Schattenboxen, im Licht tanzen, den Bogen spannen und auf die Wildgans zielen. Anlegen loslassen ausatmen. Flirren gegen den Luftwiderstand. Gestern im Park eine Gruppe Bogenschützen. Guter Schuss. Splitter im Finger. Blut. Das Schwere sieht leicht aus. Der Meister sagt nicht: guter Schuss, er sagt: schöner Schuss. Versteckte Schönheit, im Schatten der Dinge verborgen. Hinter dem Gelackten das Verwitterte. Linien in Gesichtern, das Ältere dem Neuen vorziehen. Sich schon freuen, wie sich Neues im Laufe der Jahre verändern wird, schöner wird für den Schattentänzer, Lichttänzer. Gleichgewicht, den Bogen spannen. Himmel und Erde halten, mit den Zehenspitzen den Mond berühren, die Weberin in allen vier Richtungen, der goldene Hahn steht auf einem Bein. Der Berg kommt zum Wanderer, eine Hütte, ein kleiner Tisch, mit Runzeln, Scharten und Dellen. Den Mittelpunkt finden. Die Mitte aller Dinge. Der Zahn der Zeit. Schimmernde Sanftheit alter Hölzer. Ein gesprungener Krug. Hat ein Leben lang vielen den Durst gelöscht. Geschichten, sichtbar im Material. Den Bogenschützen zugeschaut, dann weitergegangen, ein Tuch um den blutenden Finger. Ausatmen. Füße auf die Erde und abschwirren lassen den Pfeil, der seinen Weg allein geht. Wolkenhände spannen den Bogen. Beobachten, was von selbst geschieht. Loslassen. Das Schwere sieht leicht aus.
Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen. Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach. Ein süßer Duft steigt mir in die Nase. Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper. Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt. Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden. Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da. Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst. Fort, wie in Luft aufgelöst. Darin gleichst du allen anderen. Wie gemein!
Zur Strafe beiße ich jetzt zu. Beiße dir erst einen Fuß ab, dann ein Loch mitten in deinen schönen, runden Bauch. Deine weiche, schon löchrige Haut bricht schließlich zusammen, und ich verschlinge auch den Rest, den Kopf und dann den ganzen Kerl mit Haut und Haar. Es klingelt. Kurt hat wieder seinen Schlüssel vergessen. Schnell beseitige ich deine Überreste, den Mantel zusammengeknüllt in den Mülleimer, die Krümel hastig vom Tisch gefegt. Ein wenig atemlos öffne ich die Tür.
– Hallo, Schatz! Er kommt herein, ein flüchtiger Kuss auf die Wange, und dann wirft er seine Jacke über einen Stuhl. Brummelt irgendwas vor sich hin, während er nach der Fernbedienung greift. Deutet dabei, ohne mich anzusehen, auf einen kleinen Karton, den er auf den Tisch gelegt hat. – Was hast du gesagt? Wiederholt dann, schon völlig gebannt von einer Vorabendsoap: – Ich hab` sie billiger gekriegt, die, die du so gern magst. Schließlich ist Weihnachten vorbei. Ächzend vor Behagen lässt er sich in seinen Fernsehsessel sinken, von dem er den ganzen Abend nicht mehr aufstehen wird. Schnarchend schließlich, bis ich ihn wecke, um dann müde ins Bett zu schlurfen. Ich öffne die Schachtel. Da liegen sie, ungefähr zwanzig, dicht nebeneinander, in zwei Lagen gestapelt. In glänzendem Silberpapier. Mit rotem Mantel und weißem Bart. Die blauen Augen schauen mich freundlich an, mir wird ganz warm ums Herz. Sanft streicheln meine Finger über die roten Kapuzen, mir läuft das Wasser im Munde zusammen und meiner Kehle entringt sich ein Seufzer: – Oh, Schokobaby!
Einmal tief durchatmen und Ciao sagen, Ciao lieber Antonio, umdrehen und davongehen. Den See verlassen, die blauen Berge und die kleine Kapelle, und nie wieder kommen, wissen oder nicht wissen, aber so wird es sein. Immer mit einem Loch im Innern leben ab jetzt und dennoch nie wieder kommen. Wozu. Lieber jetzt als später losreißen, nicht nach dem Stück Fleisch umschauen, das im Zaun hängen bleibt. Dem Zaun, hinter dem das Haus liegt und schweigt. In dem sie vierzig Jahre jeden Morgen aufgestanden ist, nach draußen gegangen und nach den Olivenbäumen geschaut. Erst danach gefrühstückt, die Zeitung gelesen und die Küche aufgeräumt. Jeden Tag Essen gekocht, sich die Finger an der grünen Schürze abgewischt und manchmal einen Kuchen gebacken. Oder harte, kleine Teigstücke, die am Nachmittag den bitteren Espresso versüßten. Über die Antonio oder Magdalena sich freuten, wenn sie vorbei kamen, um ein Tässchen mit ihr zu trinken. Manchmal auf die Wände gestarrt, die fleckigen Tapeten, und sich doch nicht aufgerafft, neue zu kleben, Farbe zu kaufen. Wozu. Hab ich was vergessen? Sie geht noch mal durch die Räume, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein enges verwinkeltes Bad. Schäbig alles, jetzt, im grellen Sonnenlicht. Dann geht sie.
Schon auf der Straße vor dem Gartentor das Gefühl, nur noch halb zu sein. Den Schlüssel gibt sie bei Antonio, ihrem Nachbarn, ab. So ist es abgesprochen. Aber wo will sie denn hin? Sie weiß es nicht. Erstmal zur Busstation, dann in die Stadt zum Bahnhof. Der kleine Koffer in der linken Hand wie aus Blei. Dabei ist nur das Nötigste drin. Das Nötigste. Was man so redet den lieben langen Tag. Nötig ist doch gerade das, was sie hier nicht mehr findet. Ob sie es woanders bekommt, weiß sie nicht, will es aber versuchen, mit nichts als diesem Köfferchen, ja, nichts – das trifft es schon eher. Nichts. Ene mene mu, raus bist du. Einer nach dem anderen waren sie gegangen, den Berg hinunter, mit Sack und Pack in die Stadt. Vielleicht würde sie einem von ihnen begegnen. Sie wusste nicht, ob sie sich das wünschen sollte. Man würde verlegen und stotternd das Weite suchen, wahrscheinlich. Hier im Dorf war es anders gewesen, immer Zeit für einen Schwatz, einen Espresso, ein wenig Geplauder. Aber wer wusste schon, was sie wirklich dachten. Die Stadt entblößte die Menschen, sie sortierten ihre Worte nicht so wie hier. Es kam nicht mehr darauf an. Sie weiß nicht, woher sie das weiß, will das lieber nicht erleben. Aber übrig bleiben will sie auch nicht. Die Olivenhaine wurden von einer großen Ölmühle aufgekauft. Zur Ernte kamen die billigen Leute aus Tschechien, Ungarn und Böhmen und verstanden kaum ein Wort. Wenn es dann plötzlich für wenige Wochen im Dorf vor fremden Menschen wimmelte, fühlte sie sich noch einsamer als sonst. Mit schweren Schritten geht sie zum Bus, er rattert gerade den Berg hoch, würde in der Schleife am Marktplatz umdrehen und, Staubwolken hinter sich herziehend, wieder hinunter fahren. Sie steigt ein, kauft eine Fahrkarte. Der Fahrer schaut schräg hinunter auf ihren Koffer, sagt aber nichts. Sie hält sich an den Griffen fest und balanciert durch den schwankenden Gang zu einem Platz weiter hinten. Noch ein letzter Blick zum Dorf hin, in die Gasse, auf das Dach ihres Hauses, dann geht es den Berg hinunter. Ciao Antonio. Sie hat den Alten lieber nicht gefragt, ob er auch weggehen wolle. Sie kannte seine Antwort. Ciao Antonio, murmelt sie leise.
Ich bin aus Sommer gemacht und das, obwohl ich Hitze hasse. Was soll ich dazu sagen? Es ist nun mal so. Meine Knochen sind bleich und dünn. Haben lange am Strand gelegen, mit dem Treibsel hin und her gespült, einzeln verstreut, ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte, wollte ich sie einsammeln. Der heisere Schrei einer Möwe führt mich am Wassersaum entlang. Ich folge ihr und lasse alles so wie es ist. Schon immer wurde mir gesagt, dass das das Beste sei, mir war es nicht genug. Wollte Besseres, wollte in Bewegung sein und große Türme bauen. Da die Zeit aber trotzdem verrann, als hätte sie nichts gehört, brachte ich sie nur zum Einsturz. Ohne jeden Maschineneinsatz fielen sie in sich zusammen und ich hätte von vorne anfangen können, aber davor warnte man mich. Deshalb ließ ich es. Der Mond schien auf das alles, als hätte er es noch nie gesehen. Dabei sah der alte Narr landauf landab nichts anderes, das konnte er mir nicht verheimlichen. Fake, der er ist, versuchte er es dennoch. Viele Jahre vergingen und ich vergaß meine Türme, obwohl mir etwas fehlte. Ich hielt Ausschau, wurde jedoch nur die Ebene gewahr, eine weite hohle Ebene mit dem Saum des Himmels am Ende. Mal düster, mal funkelnd, mal dampfend in brodelndem Gebräu, das aus den Wolken stürzte, lag sie da wie ein ausgebreitetes Riesenhemd. Hatte ich sie zu durchwandern? Das fragte ich mich immer wieder, bis ich endlich den ersten Fuß vor den anderen setzte und los ging. Da kam etwas ins Rollen. Erst dumpf und undurchsichtig, allmählich unüberhörbar mit deutlichen Vibrationen des Bodens. Das Gras erschauerte. Wie eine leise Flutwelle lief es durch seine Halme. Ein wogendes Grasmeer bis zum Horizont. Das konnte doch nicht alles sein, aber darauf belief sich die Summe dessen, was in all den Jahren geschah. Ich ging mal weiter, dann blieb ich stehen. Und wenn das Grollen sich unter meinen nackten Sohlen ankündigte, hielt ich inne, trat von einem Fuß auf den anderen und schaute ratlos zum Himmel. Aber von dort kommt selten eine Antwort und so baute ich mir schließlich ein Schiff, setzte die Segel, nahm das Ruder in die Hand und schipperte über mein Gräsermeer, solange ich noch die Kraft dazu hatte. Die Erde schien sich zu freuen und das Rumoren in ihrem Bauch hörte auf.