Verborgen

etwas öffnet sich
ein wundersamer Raum
immer wieder
       neu ganz heil
da beginnt doch
eine Welt
       in den Ritzen
zwischen
der Zeit

Sabine Hönck, 2022

WeiterlesenVerborgen

Hasenherz – die Zeit bleibt stehen

Wie damals, an einem Sonntag, auf dem Hühnerhof ihrer Großeltern die Zeit für einen Moment stehen blieb.
Mira stahl sich fort vom langweiligen Kaffeetisch, lief durch die Küche zur Hinterhoftür hinaus auf die Terrasse, wo die Milchnäpfe der Katzen standen. Sie war vier oder fünf.
Wuchernde Brennnesseln und Gestrüpp. Gesprungene Steinfliesen und ein scharfer Geruch vom Hühnerstall.
Sie muss mal, geht ein wenig abseits und hockt sich hin.
Während sie wartet, wandern die Augen an den gezackten Linien der zerbrochenen Terrassenfliesen entlang und dann hinüber zum verfallenen Gartenzaun. Auf die Stelle, wo schon ein paar Latten fehlen.
Der Blick wird unscharf, geht ins Leere.
Das üppige Grün verschwimmt, die Gerüche verschmelzen mit ihm und dieser Stille, die sie umgibt und fort trägt.
Da bleibt die Zeit stehen. Nichts geschieht. Alles still. Jemand hält die Welt an, nur einen Augenblick, der ihr lang erscheint.
Selbstvergessen schaut sie zu, wie der kleine, dampfende Strahl zwischen den nackten Füßen in der Erde versickert.
Und auf einmal dreht sie sich wieder, die Welt. Sie hört die Hühner gackern, eine Katze huscht zu den Näpfen, und sie sieht, wie schmutzig die sind. Über dem Hühnerstall geht eine sattgelbe Mondkugel auf. Und das stets unruhige Klopfen des Herzens setzt wieder ein. Angst, dass sie nicht hier sein dürfte. Schnell geht sie zurück ins Haus.
Aber für einen Moment ist die Welt stehen geblieben. Sie wird ihn niemals vergessen.


Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

WeiterlesenHasenherz – die Zeit bleibt stehen

Die schöne Müllerstochter – ein Interview

Es war einmal eine schöne Müllerstochter, die lebte glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Wir haben sie gefragt:
– Wie haben Sie das gemacht? Und wann fingen Sie an mit dem Glück?
Drei Tage vor Schluss oder drei Jahre? Wog das den Rest auf?
Löschte jede Sekunde gelebt und gefreut ein Jahr des Schreckens?
Oder zählt am Ende schon ein Tag?
Glücklich gestorben ist besser als lange gelebt?
Zugegeben, das sind eine Menge Fragen an die Müllerstochter.

Als ich vom Spinnen schon ganz wunde Finger bekommen hatte und einen krummen Rücken, verkaufte mein Vater mich mit einer Lüge an den König.
Ich gestehe, ich konnte niemals Stroh zu Gold spinnen und habe das auch nicht behauptet.
Da durfte ich mal wieder ausbaden, dass mein Vater eine hohle Nuss war, der für seine Spielsucht Frau und Tochter verscherbelt hätte. Hat. Buchstäblich.
Glücklicherweise kam ein kleines, schlecht gelauntes Männchen in mein Verlies, schrie und sprang herum und rettete mich aus der Patsche. Nicht ganz uneigennützig, wie sich später heraus stellte, aber mehr darf ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten.

Wir danken herzlich für die erschöpfenden Antworten. Immer dieselben schrecklichen Geschichten. Nun, freuen wir uns auf die Fortsetzung, die noch in diesem Herbst, pünktlich zur Messe, erscheinen soll.

Sabine Hönck Märchen? Märchen! – (geplant)

WeiterlesenDie schöne Müllerstochter – ein Interview