Ciao Antonio

CIAO ANTONIO

Einmal tief durchatmen und Ciao sagen, Ciao lieber Antonio, umdrehen und davongehen. Den See verlassen, die blauen Berge und die kleine Kapelle, und nie wieder kommen, wissen oder nicht wissen, aber so wird es sein.
Immer mit einem Loch im Innern leben ab jetzt und dennoch nie wieder kommen.
Wozu.
Lieber jetzt als später losreißen, nicht nach dem Stück Fleisch umschauen, das im Zaun hängen bleibt. Dem Zaun, hinter dem das Haus liegt und schweigt.
In dem sie vierzig Jahre jeden Morgen aufgestanden ist, nach draußen gegangen und nach den Olivenbäumen geschaut. Erst danach gefrühstückt, die Zeitung gelesen und die Küche aufgeräumt.
Jeden Tag Essen gekocht, sich die Finger an der grünen Schürze abgewischt und manchmal einen Kuchen gebacken. Oder harte, kleine Teigstücke, die am Nachmittag den bitteren Espresso versüßten. Über die Antonio oder Magdalena sich freuten, wenn sie vorbei kamen, um ein Tässchen mit ihr zu trinken.
Manchmal auf die Wände gestarrt, die fleckigen Tapeten, und sich doch nicht aufgerafft, neue zu kleben, Farbe zu kaufen.
Wozu.
Hab ich was vergessen?
Sie geht noch mal durch die Räume, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein enges verwinkeltes Bad. Schäbig alles, jetzt, im grellen Sonnenlicht.
Dann geht sie.
Schon auf der Straße vor dem Gartentor das Gefühl, nur noch halb zu sein. Den Schlüssel gibt sie bei Antonio, ihrem Nachbarn, ab.
So ist es abgesprochen. Aber wo will sie denn hin?
Sie weiß es nicht.
Erstmal zur Busstation, dann in die Stadt zum Bahnhof.
Der kleine Koffer in der linken Hand wie aus Blei. Dabei ist nur das Nötigste drin. Das Nötigste.
Was man so redet den lieben langen Tag. Nötig ist doch gerade das, was sie hier nicht mehr findet.
Ob sie es woanders bekommt, weiß sie nicht, will es aber versuchen, mit nichts als diesem Köfferchen, ja, nichts – das trifft es schon eher. Nichts.
Ene mene mu, raus bist du.
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Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Hasenherz – Fahles Gelb wie Wintermond

HASENHERZ

Fahles Gelb wie Wintermond. Rosinen und winzige Mehlklümpchen in der süßen Suppe. Anschließend fette Futjes, das Pflichtessen am Mittag des Weihnachtstages. Es gibt kein pardon, wer mittags die Apfelsinensuppe nicht isst, bekommt abends kein Beefsteak. Basta.
Mira stülpt sich der Magen um, eigentlich nichts zum Sattwerden. Der Hunger treibt’s rein und die Aussicht auf in Butter gebratene Zwiebeln und zartrosa Fleisch. Aber da liegt die alljährliche Frage auch schon auf dem weißen Tischtuch, das auch mittags gedeckt wird.
– Wer isst mit mir Karpfen?
Wie eine gemeine Schlange windet sie sich auf sie zu, zischelnd, wütend, hinterlistig. Die Beefsteakfraktion um den Vater steht fest. Keiner der Geschwister erwägt ernsthaft einen Seitenwechsel. Diese Frage kann also nur sie meinen. Der Duft aus der Pfanne in Miras Fantasie weicht augenblicklich dem realen, fettsäuerlichen auf ihrem Teller. Er steigt ihr zu Kopf, ein Ekel plötzlich.
Sie öffnet den Mund und will sagen:
– Das esse ich nicht!
Ein leckerer Satz, ein umwälzender, rettender Satz. Das esse ich nicht, mit Ausrufezeichen. Ein schnell herunter geschluckter Satz, ein irgendwo auf dem Weg zur Kehle verloren gegangener Satz.
– Blubb, sagt sie, nein: Karpfen. Öffnet den Mund wie einer von diesen dicken, traurigen Fischen, die am Vormittag noch im Bottich von Edeka – Feinkost geschwommen sind, und sagt:
– Karpfen. Ja, den da.
Der Finger zeigt auf den dicksten, traurigsten. Blubb macht das runde Karpfenmaul, immer an der Wand, der dicken hölzernen Bottichwand entlang und die Hand ergreift ihn, eine große Hand in einem fleckigen Gummihandschuh, ein großes Messer, und schon ist der Kopf ab. Ein dreieckiger Kopf, das Lieblingsstück der Mutter. Zusammen mit dem in portionsgerechte Streifen geschnittenen, blaugrauen Leib wandert er in eine weiße Plastiktüte, durch die sein Blut in Schlieren schimmert.
Meerrettich, Kartoffeln und zerlassene Butter trösten ihn nicht, den traurigen Fisch, er macht noch auf dem Teller das Maul auf zu einem letzten, vergeblichen Blubb. Weiße, gekochte Augen drehen sich zur Decke. Eine letzte Chance:
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Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

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Musterunterbrechung

MUSTERUNTERBRECHUNG

Ich muss jetzt ganz dringend diese Fliege retten, sie weiß nicht was eine Fensterscheibe ist. Wenn sie nach oben gekrabbelt ist, lässt sie sich fallen, fängt unten wieder an, nur um oben wieder an den Fensterrahmen zu stoßen. ( können Fliegen Panik empfinden?)

Sie kommt nicht auf die Idee, die Augen zu schließen. Ihr Körper würde zur Seite ausweichen und schnell die rettende Tür ins Freie finden.
Es ist die Fixierung auf die Scheibe, die sie bis zur Erschöpfung beibehält, die Illusion von Freiheit, sobald sie nur jeden Millimeter abgesucht hat.
Dort ist sie doch, sie sieht sie doch!

Sie vertraut ihren Füßen nicht, das das ganze Drama.
Die fühlen doch die Härte, unnachgiebige Härte, kein Durchkommen. Augen und Füße im Widerstreit, das paralysiert.
Ihr Fliegenhirn findet da nicht hinaus. Weiß nur immer noch mehr derselben Anstrengung, die doch zu nichts führt.

Sie hat noch nie von MUSTERUNTERBRECHUNG gehört. Und selbst wenn, wüsste sie nicht, wie das geht. Kann sie denn den Luftstrom von der offenen Tür nicht spüren?
Nicht solange sie sich auf Sehen fixiert. Die Fliege ist ein Augentier.

Mein Rettungsversuch endet tödlich, auf jeden Fall mit starken Quetschungen. Aber diesen sinnlosen Überlebenskampf mit ansehen, hält ja kein Mensch aus.

Sabine Hönck, Morgenseiten, 2016)

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Grasmeer

GRASMEER

Ich bin aus Sommer gemacht und das, obwohl ich Hitze hasse. Was soll ich dazu sagen? Es ist nun mal so.
Meine Knochen sind bleich und dünn. Haben lange am Strand gelegen, mit dem Treibsel hin und her gespült, einzeln verstreut, ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte, wollte ich sie einsammeln.
Der heisere Schrei einer Möwe führt mich am Wassersaum entlang. Ich folge ihr und lasse alles so wie es ist.
Schon immer wurde mir gesagt, dass das das Beste sei, mir war es nicht genug. Wollte Besseres, wollte in Bewegung sein und große Türme bauen. Da die Zeit aber trotzdem verrann, als hätte sie nichts gehört, brachte ich sie nur zum Einsturz.
Ohne jeden Maschineneinsatz fielen sie in sich zusammen und ich hätte von vorne anfangen können, aber davor warnte man mich.
Deshalb ließ ich es.
Der Mond schien auf das alles, als hätte er es noch nie gesehen. Dabei sah der alte Narr landauf landab nichts anderes, das konnte er mir nicht verheimlichen.
Fake, der er ist, versuchte er es dennoch.
Viele Jahre vergingen und ich vergaß meine Türme, obwohl mir etwas fehlte. Ich hielt Ausschau, wurde jedoch nur die Ebene gewahr, eine weite hohle Ebene mit dem Saum des Himmels am Ende. Mal düster, mal funkelnd, mal dampfend in brodelndem Gebräu, das aus den Wolken stürzte, lag sie da wie ein ausgebreitetes Riesenhemd.
Hatte ich sie zu durchwandern?
Das fragte ich mich immer wieder, bis ich endlich den ersten Fuß vor den anderen setzte und los ging.
Da kam etwas ins Rollen.
Erst dumpf und undurchsichtig, allmählich unüberhörbar mit deutlichen Vibrationen des Bodens. Das Gras erschauerte. Wie eine leise Flutwelle lief es durch seine Halme.
Ein wogendes Grasmeer bis zum Horizont.
Das konnte doch nicht alles sein, aber darauf belief sich die Summe dessen, was in all den Jahren geschah. Ich ging mal weiter, dann blieb ich stehen. Und wenn das Grollen sich unter meinen nackten Sohlen ankündigte, hielt ich inne, trat von einem Fuß auf den anderen und schaute ratlos zum Himmel.
Aber von dort kommt selten eine Antwort und so baute ich mir schließlich ein Schiff, setzte die Segel, nahm das Ruder in die Hand und schipperte über mein Gräsermeer, solange ich noch die Kraft dazu hatte.
Die Erde schien sich zu freuen und das Rumoren in ihrem Bauch hörte auf.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?

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