Sweet Love

SWEET LOVE

Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen.
Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach.
Ein süßer Duft steigt mir in die Nase.
Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper.
Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt.
Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden.
Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da.
Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst.
Fort, wie in Luft aufgelöst.
Darin gleichst du allen anderen.
Wie gemein!


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Ciao Antonio

CIAO ANTONIO

Einmal tief durchatmen und Ciao sagen, Ciao lieber Antonio, umdrehen und davongehen. Den See verlassen, die blauen Berge und die kleine Kapelle, und nie wieder kommen, wissen oder nicht wissen, aber so wird es sein.
Immer mit einem Loch im Innern leben ab jetzt und dennoch nie wieder kommen.
Wozu.
Lieber jetzt als später losreißen, nicht nach dem Stück Fleisch umschauen, das im Zaun hängen bleibt. Dem Zaun, hinter dem das Haus liegt und schweigt.
In dem sie vierzig Jahre jeden Morgen aufgestanden ist, nach draußen gegangen und nach den Olivenbäumen geschaut. Erst danach gefrühstückt, die Zeitung gelesen und die Küche aufgeräumt.
Jeden Tag Essen gekocht, sich die Finger an der grünen Schürze abgewischt und manchmal einen Kuchen gebacken. Oder harte, kleine Teigstücke, die am Nachmittag den bitteren Espresso versüßten. Über die Antonio oder Magdalena sich freuten, wenn sie vorbei kamen, um ein Tässchen mit ihr zu trinken.
Manchmal auf die Wände gestarrt, die fleckigen Tapeten, und sich doch nicht aufgerafft, neue zu kleben, Farbe zu kaufen.
Wozu.
Hab ich was vergessen?
Sie geht noch mal durch die Räume, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein enges verwinkeltes Bad. Schäbig alles, jetzt, im grellen Sonnenlicht.
Dann geht sie.


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Hasenherz – Fahles Gelb wie Wintermond

HASENHERZ

Fahles Gelb wie Wintermond. Rosinen und winzige Mehlklümpchen in der süßen Suppe. Anschließend fette Futjes, das Pflichtessen am Mittag des Weihnachtstages. Es gibt kein pardon, wer mittags die Apfelsinensuppe nicht isst, bekommt abends kein Beefsteak. Basta.
Mira stülpt sich der Magen um, eigentlich nichts zum Sattwerden. Der Hunger treibt’s rein und die Aussicht auf in Butter gebratene Zwiebeln und zartrosa Fleisch. Aber da liegt die alljährliche Frage auch schon auf dem weißen Tischtuch, das auch mittags gedeckt wird.
– Wer isst mit mir Karpfen?
Wie eine gemeine Schlange windet sie sich auf sie zu, zischelnd, wütend, hinterlistig. Die Beefsteakfraktion um den Vater steht fest. Keiner der Geschwister erwägt ernsthaft einen Seitenwechsel. Diese Frage kann also nur sie meinen. Der Duft aus der Pfanne in Miras Fantasie weicht augenblicklich dem realen, fettsäuerlichen auf ihrem Teller. Er steigt ihr zu Kopf, ein Ekel plötzlich.
Sie öffnet den Mund und will sagen:
– Das esse ich nicht!
Ein leckerer Satz, ein umwälzender, rettender Satz. Das esse ich nicht, mit Ausrufezeichen. Ein schnell herunter geschluckter Satz, ein irgendwo auf dem Weg zur Kehle verloren gegangener Satz.
– Blubb, sagt sie, nein: Karpfen. Öffnet den Mund wie einer von diesen dicken, traurigen Fischen, die am Vormittag noch im Bottich von Edeka – Feinkost geschwommen sind, und sagt:
– Karpfen. Ja, den da.
Der Finger zeigt auf den dicksten, traurigsten. Blubb macht das runde Karpfenmaul, immer an der Wand, der dicken hölzernen Bottichwand entlang und die Hand ergreift ihn, eine große Hand in einem fleckigen Gummihandschuh, ein großes Messer, und schon ist der Kopf ab. Ein dreieckiger Kopf, das Lieblingsstück der Mutter. Zusammen mit dem in portionsgerechte Streifen geschnittenen, blaugrauen Leib wandert er in eine weiße Plastiktüte, durch die sein Blut in Schlieren schimmert.
Meerrettich, Kartoffeln und zerlassene Butter trösten ihn nicht, den traurigen Fisch, er macht noch auf dem Teller das Maul auf zu einem letzten, vergeblichen Blubb. Weiße, gekochte Augen drehen sich zur Decke. Eine letzte Chance:


Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

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