Wie damals, an einem Sonntag, auf dem Hühnerhof ihrer Großeltern die Zeit für einen Moment stehen blieb. Mira stahl sich fort vom langweiligen Kaffeetisch, lief durch die Küche zur Hinterhoftür hinaus auf die Terrasse, wo die Milchnäpfe der Katzen standen. Sie war vier oder fünf. Wuchernde Brennnesseln und Gestrüpp. Gesprungene Steinfliesen und ein scharfer Geruch vom Hühnerstall. Sie muss mal, geht ein wenig abseits und hockt sich hin. Während sie wartet, wandern die Augen an den gezackten Linien der zerbrochenen Terrassenfliesen entlang und dann hinüber zum verfallenen Gartenzaun. Auf die Stelle, wo schon ein paar Latten fehlen. Der Blick wird unscharf, geht ins Leere. Das üppige Grün verschwimmt, die Gerüche verschmelzen mit ihm und dieser Stille, die sie umgibt und fort trägt. Da bleibt die Zeit stehen. Nichts geschieht. Alles still. Jemand hält die Welt an, nur einen Augenblick, der ihr lang erscheint. Selbstvergessen schaut sie zu, wie der kleine, dampfende Strahl zwischen den nackten Füßen in der Erde versickert. Und auf einmal dreht sie sich wieder, die Welt. Sie hört die Hühner gackern, eine Katze huscht zu den Näpfen, und sie sieht, wie schmutzig die sind. Über dem Hühnerstall geht eine sattgelbe Mondkugel auf. Und das stets unruhige Klopfen des Herzens setzt wieder ein. Angst, dass sie nicht hier sein dürfte. Schnell geht sie zurück ins Haus. Aber für einen Moment ist die Welt stehen geblieben. Sie wird ihn niemals vergessen.
Am Ende der Welt ist eine Treppe mit sieben Stufen. Man geht hinauf oder hinunter, das kommt darauf an, in welche Welt man wechseln will. Auf jeder Stufe soll man eine Weile stehen bleiben, die Augen schließen und einen tiefen Atemzug nehmen. Ich mache einen Schritt, dann den zweiten. Die erste und die zweite Stufe sind ganz leicht zu nehmen. Die dritte Stufe aber ist so tief, dass ich auf alle viere gehen, mich an der Kante der zweiten festhalten und mich lang runterbaumeln lassen muss, so dass meine Zehenspitzen gerade eben die dritte berühren und ich die Hände vorsichtig loslassen kann. Kühler glatter Stein, rot geäderter Feldspat, Flint und Kiesel. Die vierte Stufe ist so weit entfernt, dass ich sie kaum erkennen kann. Was tun? Hinhocken, Kinn in die Hände stützen und nachdenken. Das hier ist unmöglich zu schaffen für einen Zweibeiner ohne Flügel. Woher welche nehmen? Da sehe ich das Reh.
Hinter der Welt ist ein großer Wald, ein sehr großer, dunkler Wald. Davor steht das Reh. Ich kann seine schwarzen Augen erkennen, obwohl es vielleicht Lichtjahre entfernt ist, ist es doch ganz nah. Ich sehe das Zittern unter seiner braunen Decke den Rücken entlang laufen bis zum kleinen weißen Stummelschwanz an seinem Hinterteil. So befreit es sich von dem Schreck, auf diese Welt getroffen zu sein, wahrscheinlich wäre es lieber in seinem Wald geblieben. Nun ist es aber da und rückwärts läuft die Zeit noch nicht. Es starrt auf die Treppe, deren Stufen immer weiter auseinander gleiten. Die letzte Stufe ist vielleicht unter der Welt oder hinter der Welt, man kann sie nur ahnen.
Ich winke dem Reh aufgeregt zu. Für ein Tier der Wildnis ist es erstaunlich zutraulich, es bellt mich an, läuft aber nicht weg. Kommt sogar näher. Die Welten rücken zusammen, seine und meine. In meiner gibt es längst keinen Wald mehr, auch keine Rehe. Offenbar weiß es, wo die anderen Stufen sind, und das schönste: es hat Flügel. Ich schaue ihm zu, wie es sich aufmacht. Es fliegt in die blaue Weite des Himmels, zieht ein paar sanfte Runden und kommt zurück. Da hat es keine Flügel mehr, kaum dass es die Treppe berührt, die unterste Stufe, weit weg, unerreichbar, eben war es noch so nah. Schon verstehe ich seine Sprache nicht mehr, kenne seine Feinde und rieche sein Fleisch. Wie froh es ist, dass die Stufen so weit auseinander liegen und ich erst auf der dritten steh, kann ich nur ahnen. Doch, das kann ich. Ahnen kann ich auch seine Enttäuschung.
Als es mich hier ratlos sitzen sah von seinem sicherem Waldrand aus, da hat es mir einen Moment vertraut, sogar sein Geheimnis gelüftet und vor meinen Augen seine zarten Flügel entblößt. Wer weiß schon davon. Und nun sieht es die Gier in meinen Augen, kaum dass es die sichere Distanz aufgab. Es sieht schon das Messer in meinen Händen, das Wurfgeschoss, spürt schon den schneidenden Schmerz. Während ich doch nur in aller Harmlosigkeit überlege, wie ich auf die vierte Stufe komme, mein Schlächtersein noch gar nicht bemerkt habe. Um diese Welt zu verlassen, ist es nötig, solche Verwechslungsmanöver zu durchschauen, sie abzulegen wie zu eng gewordene Kleidung, denn das ist doch wirklich überholt! Wer wird so ein zartes Reh noch töten, gar essen, oder sollte ich sagen fressen? Man stellt es sich in feines Porzellan gegossen, in Zartpastell bemalt auf die Sofaecke und versinkt andachtsvoll in seinen Anblick. Man sagt zu einer sanft Rehäugigen: mein Rehlein, und essen tut man ein Schwein. Ein dickes Mastschwein, das mit hundert seiner Artgenossen eng gepfercht zum Schlachthof gekarrt wird, in einem LKW, hinter dessen Windschutzscheibe HARRY zu lesen ist, oder VOLKER oder THORSTEN, und hintendrauf manchmal sogar: ARTGERECHTE TIERHALTUNG. Angstschweiß und zitternde Herzen wabern zu mir herüber, wenn ich daran vorbei gehe.
Aber jetzt geht’s auf zur vierten Stufe und das Reh wird mir nicht mehr helfen, seit es erkannt hat, dass ich zu dieser Spezies gehöre, dieser Verfolgerspezies, die nicht mehr reagiert auf ein Paar angstvoll aufgerissene schwarze Augen und ein sanftes braunes Fell, höchstens noch mit Speichelfluss. Das Herz ist zu. Es lebe der Spaß. Die schnelle Lust. Der schale Nachgeschmack. Ich lasse mich jetzt einfach fallen, irgendwo da unten muss die vierte Stufe sein und die fünfte und sechste und siebente. Wenn das Reh erkennt, dass ich meinen Pakt mit dem Teufel gekündigt habe, mich einfach ausspucken lasse von der Maschine, zeigt es mir vielleicht noch einmal, wie man seine Flügel benutzt. Dort drüben am Waldrand hinter der Welt steht ein Reh und schaut neugierig zu mir herüber. Sehr neugierig.
Rosinen und winzige Mehlklümpchen in der süßen Suppe. Anschließend fette Futjes, das Pflichtessen am Mittag des Weihnachtstages. Es gibt kein pardon, wer mittags die Apfelsinensuppe nicht isst, bekommt abends kein Beefsteak. Basta. Mira stülpt sich der Magen um, eigentlich nichts zum Sattwerden. Der Hunger treibt’s rein und die Aussicht auf in Butter gebratene Zwiebeln und zartrosa Fleisch. Aber da liegt die alljährliche Frage auch schon auf dem weißen Tischtuch, das auch mittags gedeckt wird. – Wer isst mit mir Karpfen? Wie eine gemeine Schlange windet sie sich auf sie zu, zischelnd, wütend, hinterlistig. Die Beefsteakfraktion um den Vater steht fest. Keiner der Geschwister erwägt ernsthaft einen Seitenwechsel. Diese Frage kann also nur sie meinen. Der Duft aus der Pfanne in Miras Fantasie weicht augenblicklich dem realen, fettsäuerlichen auf ihrem Teller. Er steigt ihr zu Kopf, ein Ekel plötzlich. Sie öffnet den Mund und will sagen: – Das esse ich nicht! Ein leckerer Satz, ein umwälzender, rettender Satz. Das esse ich nicht, mit Ausrufezeichen. Ein schnell herunter geschluckter Satz, ein irgendwo auf dem Weg zur Kehle verloren gegangener Satz. – Blubb, sagt sie, nein: Karpfen. Öffnet den Mund wie einer von diesen dicken, traurigen Fischen, die am Vormittag noch im Bottich von Edeka – Feinkost geschwommen sind, und sagt: – Karpfen. Ja, den da. Der Finger zeigt auf den dicksten, traurigsten. Blubb macht das runde Karpfenmaul, immer an der Wand, der dicken hölzernen Bottichwand entlang und die Hand ergreift ihn, eine große Hand in einem fleckigen Gummihandschuh, ein großes Messer, und schon ist der Kopf ab. Ein dreieckiger Kopf, das Lieblingsstück der Mutter. Zusammen mit dem in portionsgerechte Streifen geschnittenen, blaugrauen Leib wandert er in eine weiße Plastiktüte, durch die sein Blut in Schlieren schimmert. Meerrettich, Kartoffeln und zerlassene Butter trösten ihn nicht, den traurigen Fisch, er macht noch auf dem Teller das Maul auf zu einem letzten, vergeblichen Blubb. Weiße, gekochte Augen drehen sich zur Decke. Eine letzte Chance:
– Fischbesteck? Ja, Fischbesteck. Dabei würde sie viel lieber Beefsteak essen, Beefsteak mit süßen Butterzwiebeln, das Wasser schon im Mund. Beefsteak isst die Vaterfraktion, das wäre Verrat. – Karpfen, sagt Mira tapfer, inbrünstig schielend nach dem duftenden Beefsteak auf dem Teller der Schwester. Karpfen ist das Lieblingsessen der Mutter, das sie sich nur zu Weihnachten gönnt. Sie mag doch nicht ganz allein, blubb. Dicke Haut, wabbeliges Fleisch, geriffelt, fast als ob es noch schwämme, fade, nichts zum Sattwerden. Tote, weiße Augen, Essen hält Leib und Seele zusammen, hält die Fraktionen zusammen. Treue hat ihren Preis. Streit beim Essen. Jeden Tag. Auch Weihnachten. – Diese Spatzenportion, das ist nicht dein Ernst. Aber sicher ist das sein Ernst. Tödlicher Ernst. Vater will trinken, nicht essen. Nichts zum Sattwerden. Zum Sterben. Bald ist es geschafft. Vater. Mutter. Beefsteak oder Karpfen. Pest oder Cholera. Spatzenportionen. Spatzenliebe. Streit. Nichts zum Sattwerden. Der Appetit kommt beim Essen. Tut er nicht. Da vergeht er. Nun iss doch was. Ich habe doch extra für dich. Hört das nie auf. Kaltes rosa Fleisch auf dem Teller, Fettränder. Mira kratzt kleine Muster hinein. Diese Spatzenportion, nicht dein Ernst, die Gabel quietscht, schiebt den wabbeligen Fisch hin und her. Heiße Schüsseln, kalter Streit. Genug zu essen, genug zu trinken, nichts zum Sattwerden.