Ciao Antonio

CIAO ANTONIO

Einmal tief durchatmen und Ciao sagen, Ciao lieber Antonio, umdrehen und davongehen. Den See verlassen, die blauen Berge und die kleine Kapelle, und nie wieder kommen, wissen oder nicht wissen, aber so wird es sein.
Immer mit einem Loch im Innern leben ab jetzt und dennoch nie wieder kommen.
Wozu.
Lieber jetzt als später losreißen, nicht nach dem Stück Fleisch umschauen, das im Zaun hängen bleibt. Dem Zaun, hinter dem das Haus liegt und schweigt.
In dem sie vierzig Jahre jeden Morgen aufgestanden ist, nach draußen gegangen und nach den Olivenbäumen geschaut. Erst danach gefrühstückt, die Zeitung gelesen und die Küche aufgeräumt.
Jeden Tag Essen gekocht, sich die Finger an der grünen Schürze abgewischt und manchmal einen Kuchen gebacken. Oder harte, kleine Teigstücke, die am Nachmittag den bitteren Espresso versüßten. Über die Antonio oder Magdalena sich freuten, wenn sie vorbei kamen, um ein Tässchen mit ihr zu trinken.
Manchmal auf die Wände gestarrt, die fleckigen Tapeten, und sich doch nicht aufgerafft, neue zu kleben, Farbe zu kaufen.
Wozu.
Hab ich was vergessen?
Sie geht noch mal durch die Räume, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein enges verwinkeltes Bad. Schäbig alles, jetzt, im grellen Sonnenlicht.
Dann geht sie.


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023