Die schöne Müllerstochter – ein Interview

DIE SCHÖNE MÜLLERSTOCHTER
EIN INTERVIEW

Es war einmal eine schöne Müllerstochter, die lebte glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Wir haben sie gefragt:
– Wie haben Sie das gemacht? Und wann fingen Sie an mit dem Glück?
Drei Tage vor Schluss oder drei Jahre? Wog das den Rest auf?
Löschte jede Sekunde gelebt und gefreut ein Jahr des Schreckens?
Oder zählt am Ende schon ein Tag?
Glücklich gestorben ist besser als lange gelebt?
Zugegeben, das sind eine Menge Fragen an die Müllerstochter.

Als ich vom Spinnen schon ganz wunde Finger bekommen hatte und einen krummen Rücken, verkaufte mein Vater mich mit einer Lüge an den König.
Ich gestehe, ich konnte niemals Stroh zu Gold spinnen und habe das auch nicht behauptet.
Da durfte ich mal wieder ausbaden, dass mein Vater eine hohle Nuss war, der für seine Spielsucht Frau und Tochter verscherbelt hätte. Hat. Buchstäblich.
Glücklicherweise kam ein kleines, schlecht gelauntes Männchen in mein Verlies, schrie und sprang herum und rettete mich aus der Patsche. Nicht ganz uneigennützig, wie sich später heraus stellte, aber mehr darf ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten.

Wir danken herzlich für die erschöpfenden Antworten. Immer dieselben schrecklichen Geschichten. Nun, freuen wir uns auf die Fortsetzung, die noch in diesem Herbst, pünktlich zur Messe, erscheinen soll.

Sabine Hönck Märchen? Märchen! – (geplant)

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Hasenherz – Das Reh

HASENHERZ – Das Reh

Am Ende der Welt ist eine Treppe mit sieben Stufen. Man geht hinauf oder hinunter, das kommt darauf an, in welche Welt man wechseln will. Auf jeder Stufe soll man eine Weile stehen bleiben, die Augen schließen und einen tiefen Atemzug nehmen.
Ich mache einen Schritt, dann den zweiten. Die erste und die zweite Stufe sind ganz leicht zu nehmen. Die dritte Stufe aber ist so tief, dass ich auf alle viere gehen, mich an der Kante der zweiten festhalten und mich lang runterbaumeln lassen muss, so dass meine Zehenspitzen gerade eben die dritte berühren und ich die Hände vorsichtig loslassen kann.
Kühler glatter Stein, rot geäderter Feldspat, Flint und Kiesel. Die vierte Stufe ist so weit entfernt, dass ich sie kaum erkennen kann. Was tun? Hinhocken, Kinn in die Hände stützen und nachdenken. Das hier ist unmöglich zu schaffen für einen Zweibeiner ohne Flügel. Woher welche nehmen?
Da sehe ich das Reh.

Hinter der Welt ist ein großer Wald, ein sehr großer, dunkler Wald. Davor steht das Reh. Ich kann seine schwarzen Augen erkennen, obwohl es vielleicht Lichtjahre entfernt ist, ist es doch ganz nah. Ich sehe das Zittern unter seiner braunen Decke den Rücken entlang laufen bis zum kleinen weißen Stummelschwanz an seinem Hinterteil. So befreit es sich von dem Schreck, auf diese Welt getroffen zu sein, wahrscheinlich wäre es lieber in seinem Wald geblieben.
Nun ist es aber da und rückwärts läuft die Zeit noch nicht. Es starrt auf die Treppe, deren Stufen immer weiter auseinander gleiten. Die letzte Stufe ist vielleicht unter der Welt oder hinter der Welt, man kann sie nur ahnen.

Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

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Den Bogen spannen

DEN BOGEN SPANNEN

Schattenboxen, im Licht tanzen, den Bogen spannen und auf die Wildgans zielen. Anlegen loslassen ausatmen. Flirren gegen den Luftwiderstand.
Gestern im Park eine Gruppe Bogenschützen.
Guter Schuss. Splitter im Finger. Blut. Das Schwere sieht leicht aus.
Der Meister sagt nicht: guter Schuss, er sagt: schöner Schuss.
Versteckte Schönheit, im Schatten der Dinge verborgen. Hinter dem Gelackten das Verwitterte.
Linien in Gesichtern, das Ältere dem Neuen vorziehen. Sich schon freuen, wie sich Neues im Laufe der Jahre verändern wird, schöner wird für den Schattentänzer, Lichttänzer.
Gleichgewicht, den Bogen spannen.
Himmel und Erde halten, mit den Zehenspitzen den Mond berühren, die Weberin in allen vier Richtungen, der goldene Hahn steht auf einem Bein.
Der Berg kommt zum Wanderer, eine Hütte, ein kleiner Tisch, mit Runzeln, Scharten und Dellen.
Den Mittelpunkt finden. Die Mitte aller Dinge. Der Zahn der Zeit. Schimmernde Sanftheit alter Hölzer.
Ein gesprungener Krug. Hat ein Leben lang vielen den Durst gelöscht.
Geschichten, sichtbar im Material.
Den Bogenschützen zugeschaut, dann weitergegangen, ein Tuch um den blutenden Finger.
Ausatmen.
Füße auf die Erde und abschwirren lassen den Pfeil, der seinen Weg allein geht.
Wolkenhände spannen den Bogen. Beobachten, was von selbst geschieht.
Loslassen.
Das Schwere sieht leicht aus.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Schnee auf den Dächern

SCHNEE AUF DEN DÄCHERN

und auf kahlen Ästen ein stetiges Fallen
geräuschlos winzige Wassersterne
dicke kalte Kissen auf dem letzten Purpur der Fetten Henne
Schnee auf den Dächern
der Himmel tief

silbern blinken kippende Flügel
In Sturzwenden
verschwinden in der Bläue Luft im Schnabel
Schnee auf den Dächern
unter dem Himmel ein Rauschen

knirschende Schritte
nach Hause kommen den Schneemantel vor die Fenster gehängt
Licht sprühendes Dunkel in Winterwolken
mit nebligem Frostatem Eisblumenwörter verschenkt
ins Blaue gelacht
den Schneewein getrunken den Winter

Schnee auf den Dächern und öffnen die blinden Augen
die Seele will Schneeflügel
kleine Versatzstücke aus dem Schneekosmos loseisen
und ihr flattrige Flügel anschrauben
dann aber abschwirren
weiß still

Sabine Hönck, 2013

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