Hasenherz – Das Reh

HASENHERZ – Das Reh

Am Ende der Welt ist eine Treppe mit sieben Stufen. Man geht hinauf oder hinunter, das kommt darauf an, in welche Welt man wechseln will. Auf jeder Stufe soll man eine Weile stehen bleiben, die Augen schließen und einen tiefen Atemzug nehmen.
Ich mache einen Schritt, dann den zweiten. Die erste und die zweite Stufe sind ganz leicht zu nehmen. Die dritte Stufe aber ist so tief, dass ich auf alle viere gehen, mich an der Kante der zweiten festhalten und mich lang runterbaumeln lassen muss, so dass meine Zehenspitzen gerade eben die dritte berühren und ich die Hände vorsichtig loslassen kann.
Kühler glatter Stein, rot geäderter Feldspat, Flint und Kiesel. Die vierte Stufe ist so weit entfernt, dass ich sie kaum erkennen kann. Was tun? Hinhocken, Kinn in die Hände stützen und nachdenken. Das hier ist unmöglich zu schaffen für einen Zweibeiner ohne Flügel. Woher welche nehmen?
Da sehe ich das Reh.

Hinter der Welt ist ein großer Wald, ein sehr großer, dunkler Wald. Davor steht das Reh. Ich kann seine schwarzen Augen erkennen, obwohl es vielleicht Lichtjahre entfernt ist, ist es doch ganz nah. Ich sehe das Zittern unter seiner braunen Decke den Rücken entlang laufen bis zum kleinen weißen Stummelschwanz an seinem Hinterteil. So befreit es sich von dem Schreck, auf diese Welt getroffen zu sein, wahrscheinlich wäre es lieber in seinem Wald geblieben.
Nun ist es aber da und rückwärts läuft die Zeit noch nicht. Es starrt auf die Treppe, deren Stufen immer weiter auseinander gleiten. Die letzte Stufe ist vielleicht unter der Welt oder hinter der Welt, man kann sie nur ahnen.

Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

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Den Bogen spannen

DEN BOGEN SPANNEN

Schattenboxen, im Licht tanzen, den Bogen spannen und auf die Wildgans zielen. Anlegen loslassen ausatmen. Flirren gegen den Luftwiderstand.
Gestern im Park eine Gruppe Bogenschützen.
Guter Schuss. Splitter im Finger. Blut. Das Schwere sieht leicht aus.
Der Meister sagt nicht: guter Schuss, er sagt: schöner Schuss.
Versteckte Schönheit, im Schatten der Dinge verborgen. Hinter dem Gelackten das Verwitterte.
Linien in Gesichtern, das Ältere dem Neuen vorziehen. Sich schon freuen, wie sich Neues im Laufe der Jahre verändern wird, schöner wird für den Schattentänzer, Lichttänzer.
Gleichgewicht, den Bogen spannen.
Himmel und Erde halten, mit den Zehenspitzen den Mond berühren, die Weberin in allen vier Richtungen, der goldene Hahn steht auf einem Bein.
Der Berg kommt zum Wanderer, eine Hütte, ein kleiner Tisch, mit Runzeln, Scharten und Dellen.
Den Mittelpunkt finden. Die Mitte aller Dinge. Der Zahn der Zeit. Schimmernde Sanftheit alter Hölzer.
Ein gesprungener Krug. Hat ein Leben lang vielen den Durst gelöscht.
Geschichten, sichtbar im Material.
Den Bogenschützen zugeschaut, dann weitergegangen, ein Tuch um den blutenden Finger.
Ausatmen.
Füße auf die Erde und abschwirren lassen den Pfeil, der seinen Weg allein geht.
Wolkenhände spannen den Bogen. Beobachten, was von selbst geschieht.
Loslassen.
Das Schwere sieht leicht aus.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Schnee auf den Dächern

SCHNEE AUF DEN DÄCHERN

und auf kahlen Ästen ein stetiges Fallen
geräuschlos winzige Wassersterne
dicke kalte Kissen auf dem letzten Purpur der Fetten Henne
Schnee auf den Dächern
der Himmel tief

silbern blinken kippende Flügel
In Sturzwenden
verschwinden in der Bläue Luft im Schnabel
Schnee auf den Dächern
unter dem Himmel ein Rauschen

knirschende Schritte
nach Hause kommen den Schneemantel vor die Fenster gehängt
Licht sprühendes Dunkel in Winterwolken
mit nebligem Frostatem Eisblumenwörter verschenkt
ins Blaue gelacht
den Schneewein getrunken den Winter

Schnee auf den Dächern und öffnen die blinden Augen
die Seele will Schneeflügel
kleine Versatzstücke aus dem Schneekosmos loseisen
und ihr flattrige Flügel anschrauben
dann aber abschwirren
weiß still

Sabine Hönck, 2013

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Emporsteigen

EMPORSTEIGEN

emporsteigen ins leichte Gewölke den Morast der Straßen
mit den Stiefeln abschütteln das Fliegen verlernt und an unsichtbaren
Geländern festhalten alles ganz klein unter mir bis auf
die Spitze treiben was ins Auge sticht weiter empor
loslassen den Widersinn und dann
Engelchöre auf blaurosa Wolkensofas mit blitzenden
Posaunen rund um den Rauschebart?
wer glaubt noch an den Weihnachtsmann kühl hier
mich fröstelt die Flügel zittern und die paar Krähen unter dem
Himmel machen noch keinen Sommer
bis zu den Lerchen und ihren fast unhörbaren Lufttreppen
ist es noch weit
Krähen im Winterhimmel trotz
nicht abreißendem Klangteppich weit oben dröhnender Motoren (ab in
die Sonne oder schnell mal ein Weekend shoppen in London) haben
sie sich wie ein Lebenszeichen im kahlen Geäst
einiger Vorgartenbirken nieder gelassen
Eis auf der Straße Frostfilm auf Pfützen Lufttreppen im Winter
Achtung Stolpergefahr lieber Bodenhaftung und
übers Feld schauen weit übers Feld und da
der Schrei einer Eule frostig
heiseres Geschenk

Sabine Hönck, Montags bei Mesenburg, Unterwegstexte, 2017

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