Hasenherz – Fahles Gelb wie Wintermond
- Beitrags-Autor:Sabine Hönck
- Beitrag veröffentlicht:3. Dezember 2025
- Beitrags-Kategorie:Hasenherz
HASENHERZ
Fahles Gelb wie Wintermond. Rosinen und winzige Mehlklümpchen in der süßen Suppe. Anschließend fette Futjes, das Pflichtessen am Mittag des Weihnachtstages. Es gibt kein pardon, wer mittags die Apfelsinensuppe nicht isst, bekommt abends kein Beefsteak. Basta.
Mira stülpt sich der Magen um, eigentlich nichts zum Sattwerden. Der Hunger treibt’s rein und die Aussicht auf in Butter gebratene Zwiebeln und zartrosa Fleisch. Aber da liegt die alljährliche Frage auch schon auf dem weißen Tischtuch, das auch mittags gedeckt wird.
– Wer isst mit mir Karpfen?
Wie eine gemeine Schlange windet sie sich auf sie zu, zischelnd, wütend, hinterlistig. Die Beefsteakfraktion um den Vater steht fest. Keiner der Geschwister erwägt ernsthaft einen Seitenwechsel. Diese Frage kann also nur sie meinen. Der Duft aus der Pfanne in Miras Fantasie weicht augenblicklich dem realen, fettsäuerlichen auf ihrem Teller. Er steigt ihr zu Kopf, ein Ekel plötzlich.
Sie öffnet den Mund und will sagen:
– Das esse ich nicht!
Ein leckerer Satz, ein umwälzender, rettender Satz. Das esse ich nicht, mit Ausrufezeichen. Ein schnell herunter geschluckter Satz, ein irgendwo auf dem Weg zur Kehle verloren gegangener Satz.
– Blubb, sagt sie, nein: Karpfen. Öffnet den Mund wie einer von diesen dicken, traurigen Fischen, die am Vormittag noch im Bottich von Edeka – Feinkost geschwommen sind, und sagt:
– Karpfen. Ja, den da.
Der Finger zeigt auf den dicksten, traurigsten. Blubb macht das runde Karpfenmaul, immer an der Wand, der dicken hölzernen Bottichwand entlang und die Hand ergreift ihn, eine große Hand in einem fleckigen Gummihandschuh, ein großes Messer, und schon ist der Kopf ab. Ein dreieckiger Kopf, das Lieblingsstück der Mutter. Zusammen mit dem in portionsgerechte Streifen geschnittenen, blaugrauen Leib wandert er in eine weiße Plastiktüte, durch die sein Blut in Schlieren schimmert.
Meerrettich, Kartoffeln und zerlassene Butter trösten ihn nicht, den traurigen Fisch, er macht noch auf dem Teller das Maul auf zu einem letzten, vergeblichen Blubb. Weiße, gekochte Augen drehen sich zur Decke. Eine letzte Chance:
– Fischbesteck? Ja, Fischbesteck.
Dabei würde sie viel lieber Beefsteak essen, Beefsteak mit süßen Butterzwiebeln, das Wasser schon im Mund. Beefsteak isst die Vaterfraktion, das wäre Verrat.
– Karpfen, sagt Mira tapfer, inbrünstig schielend nach dem duftenden Beefsteak auf dem Teller der Schwester. Karpfen ist das Lieblingsessen der Mutter, das sie sich nur zu Weihnachten gönnt. Sie mag doch nicht ganz allein, blubb. Dicke Haut, wabbeliges Fleisch, geriffelt, fast als ob es noch schwämme, fade, nichts zum Sattwerden. Tote, weiße Augen, Essen hält Leib und Seele zusammen, hält die Fraktionen zusammen. Treue hat ihren Preis.
Streit beim Essen. Jeden Tag. Auch Weihnachten.
– Diese Spatzenportion, das ist nicht dein Ernst. Aber sicher ist das sein Ernst. Tödlicher Ernst. Vater will trinken, nicht essen. Nichts zum Sattwerden. Zum Sterben. Bald ist es geschafft.
Vater. Mutter. Beefsteak oder Karpfen. Pest oder Cholera. Spatzenportionen. Spatzenliebe. Streit. Nichts zum Sattwerden.
Der Appetit kommt beim Essen. Tut er nicht. Da vergeht er. Nun iss doch was. Ich habe doch extra für dich. Hört das nie auf.
Kaltes rosa Fleisch auf dem Teller, Fettränder.
Mira kratzt kleine Muster hinein. Diese Spatzenportion, nicht dein Ernst, die Gabel quietscht, schiebt den wabbeligen Fisch hin und her.
Heiße Schüsseln, kalter Streit. Genug zu essen, genug zu trinken, nichts zum Sattwerden.
Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt
