Hasenherz – Fahles Gelb wie Wintermond

HASENHERZ

Fahles Gelb wie Wintermond. Rosinen und winzige Mehlklümpchen in der süßen Suppe. Anschließend fette Futjes, das Pflichtessen am Mittag des Weihnachtstages. Es gibt kein pardon, wer mittags die Apfelsinensuppe nicht isst, bekommt abends kein Beefsteak. Basta.
Mira stülpt sich der Magen um, eigentlich nichts zum Sattwerden. Der Hunger treibt’s rein und die Aussicht auf in Butter gebratene Zwiebeln und zartrosa Fleisch. Aber da liegt die alljährliche Frage auch schon auf dem weißen Tischtuch, das auch mittags gedeckt wird.
– Wer isst mit mir Karpfen?
Wie eine gemeine Schlange windet sie sich auf sie zu, zischelnd, wütend, hinterlistig. Die Beefsteakfraktion um den Vater steht fest. Keiner der Geschwister erwägt ernsthaft einen Seitenwechsel. Diese Frage kann also nur sie meinen. Der Duft aus der Pfanne in Miras Fantasie weicht augenblicklich dem realen, fettsäuerlichen auf ihrem Teller. Er steigt ihr zu Kopf, ein Ekel plötzlich.
Sie öffnet den Mund und will sagen:
– Das esse ich nicht!
Ein leckerer Satz, ein umwälzender, rettender Satz. Das esse ich nicht, mit Ausrufezeichen. Ein schnell herunter geschluckter Satz, ein irgendwo auf dem Weg zur Kehle verloren gegangener Satz.
– Blubb, sagt sie, nein: Karpfen. Öffnet den Mund wie einer von diesen dicken, traurigen Fischen, die am Vormittag noch im Bottich von Edeka – Feinkost geschwommen sind, und sagt:
– Karpfen. Ja, den da.
Der Finger zeigt auf den dicksten, traurigsten. Blubb macht das runde Karpfenmaul, immer an der Wand, der dicken hölzernen Bottichwand entlang und die Hand ergreift ihn, eine große Hand in einem fleckigen Gummihandschuh, ein großes Messer, und schon ist der Kopf ab. Ein dreieckiger Kopf, das Lieblingsstück der Mutter. Zusammen mit dem in portionsgerechte Streifen geschnittenen, blaugrauen Leib wandert er in eine weiße Plastiktüte, durch die sein Blut in Schlieren schimmert.
Meerrettich, Kartoffeln und zerlassene Butter trösten ihn nicht, den traurigen Fisch, er macht noch auf dem Teller das Maul auf zu einem letzten, vergeblichen Blubb. Weiße, gekochte Augen drehen sich zur Decke. Eine letzte Chance:


Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt

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