SWEET LOVE
Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen.
Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach.
Ein süßer Duft steigt mir in die Nase.
Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper.
Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt.
Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden.
Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da.
Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst.
Fort, wie in Luft aufgelöst.
Darin gleichst du allen anderen.
Wie gemein!
Zur Strafe beiße ich jetzt zu.
Beiße dir erst einen Fuß ab, dann ein Loch mitten in deinen schönen, runden Bauch. Deine weiche, schon löchrige Haut bricht schließlich zusammen, und ich verschlinge auch den Rest, den Kopf und dann den ganzen Kerl mit Haut und Haar.
Es klingelt.
Kurt hat wieder seinen Schlüssel vergessen.
Schnell beseitige ich deine Überreste, den Mantel zusammengeknüllt in den Mülleimer, die Krümel hastig vom Tisch gefegt. Ein wenig atemlos öffne ich die Tür.
– Hallo, Schatz!
Er kommt herein, ein flüchtiger Kuss auf die Wange, und dann wirft er seine Jacke über einen Stuhl. Brummelt irgendwas vor sich hin, während er nach der Fernbedienung greift. Deutet dabei, ohne mich anzusehen, auf einen kleinen Karton, den er auf den Tisch gelegt hat.
– Was hast du gesagt?
Wiederholt dann, schon völlig gebannt von einer Vorabendsoap:
– Ich hab` sie billiger gekriegt, die, die du so gern magst. Schließlich ist Weihnachten vorbei.
Ächzend vor Behagen lässt er sich in seinen Fernsehsessel sinken, von dem er den ganzen Abend nicht mehr aufstehen wird. Schnarchend schließlich, bis ich ihn wecke, um dann müde ins Bett zu schlurfen.
Ich öffne die Schachtel. Da liegen sie, ungefähr zwanzig, dicht nebeneinander, in zwei Lagen gestapelt. In glänzendem Silberpapier. Mit rotem Mantel und weißem Bart. Die blauen Augen schauen mich freundlich an, mir wird ganz warm ums Herz.
Sanft streicheln meine Finger über die roten Kapuzen, mir läuft das Wasser im Munde zusammen und meiner Kehle entringt sich ein Seufzer:
– Oh, Schokobaby!
Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023
