Den Bogen spannen

DEN BOGEN SPANNEN

Schattenboxen, im Licht tanzen, den Bogen spannen und auf die Wildgans zielen. Anlegen loslassen ausatmen. Flirren gegen den Luftwiderstand.
Gestern im Park eine Gruppe Bogenschützen.
Guter Schuss. Splitter im Finger. Blut. Das Schwere sieht leicht aus.
Der Meister sagt nicht: guter Schuss, er sagt: schöner Schuss.
Versteckte Schönheit, im Schatten der Dinge verborgen. Hinter dem Gelackten das Verwitterte.
Linien in Gesichtern, das Ältere dem Neuen vorziehen. Sich schon freuen, wie sich Neues im Laufe der Jahre verändern wird, schöner wird für den Schattentänzer, Lichttänzer.
Gleichgewicht, den Bogen spannen.
Himmel und Erde halten, mit den Zehenspitzen den Mond berühren, die Weberin in allen vier Richtungen, der goldene Hahn steht auf einem Bein.
Der Berg kommt zum Wanderer, eine Hütte, ein kleiner Tisch, mit Runzeln, Scharten und Dellen.
Den Mittelpunkt finden. Die Mitte aller Dinge. Der Zahn der Zeit. Schimmernde Sanftheit alter Hölzer.
Ein gesprungener Krug. Hat ein Leben lang vielen den Durst gelöscht.
Geschichten, sichtbar im Material.
Den Bogenschützen zugeschaut, dann weitergegangen, ein Tuch um den blutenden Finger.
Ausatmen.
Füße auf die Erde und abschwirren lassen den Pfeil, der seinen Weg allein geht.
Wolkenhände spannen den Bogen. Beobachten, was von selbst geschieht.
Loslassen.
Das Schwere sieht leicht aus.

Sabine Hönck

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Schnee auf den Dächern

SCHNEE AUF DEN DÄCHERN

und auf kahlen Ästen ein stetiges Fallen
geräuschlos winzige Wassersterne
dicke kalte Kissen auf dem letzten Purpur der Fetten Henne
Schnee auf den Dächern
der Himmel tief

silbern blinken kippende Flügel
In Sturzwenden
verschwinden in der Bläue Luft im Schnabel
Schnee auf den Dächern
unter dem Himmel ein Rauschen

knirschende Schritte
nach Hause kommen den Schneemantel vor die Fenster gehängt
Licht sprühendes Dunkel in Winterwolken
mit nebligem Frostatem Eisblumenwörter verschenkt
ins Blaue gelacht
den Schneewein getrunken den Winter

Schnee auf den Dächern und öffnen die blinden Augen
die Seele will Schneeflügel
kleine Versatzstücke aus dem Schneekosmos loseisen
und ihr flattrige Flügel anschrauben
dann aber abschwirren
weiß still

Sabine Hönck, 2013

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