Mondkatzen

Mondkatzen

Am Ende der Strasse lag das Haus und duckte sich an einen der buckligen Felsen des Fjell zwischen ein paar krumme Kiefern und Krüppelwacholder.
Das bei Tage leuchtende Rot der Holzplanken verschwamm im Mondlicht zu einem dunklen Grauton, die Kanten um Fenster und Dach aber waren auch jetzt von intensivem Weiß.
Die Räder meines Autos knirschten sich durch den Schnee, der zu beiden Seiten der Strasse aufgetürmt lag und nur eine schmale Durchfahrt in der Mitte ließ. Drei Stunden hatte die Fähre Verspätung gehabt wegen der Eismassen im Fjord und so war es inzwischen Mitternacht.
Ich lugte über das Steuer hinweg nach oben zu der weißen Scheibe am Himmel, die von vorüberjagenden Wolken immer wieder freigegeben wurde und alles in fast taghelles Licht tauchte. An manchen Tagen war es jetzt um die Mittagszeit nicht so hell wie in einer frostklirrenden Vollmondnacht wie dieser.
Vor dem Haus, neben der dreistufigen Treppe zur Eingangstür stand ein Schlitten. Die Katze strich daran entlang, offenbar auf der Suche nach Einlass.
Ob Marita schon schlafen gegangen war? (…)

Sabine Hönck, Nicht Tag Nicht Traum, 2011