emporsteigen ins leichte Gewölke den Morast der Straßen mit den Stiefeln abschütteln das Fliegen verlernt und an unsichtbaren Geländern festhalten alles ganz klein unter mir bis auf die Spitze treiben was ins Auge sticht weiter empor loslassen den Widersinn und dann Engelchöre auf blaurosa Wolkensofas mit blitzenden Posaunen rund um den Rauschebart? wer glaubt noch an den Weihnachtsmann kühl hier mich fröstelt die Flügel zittern und die paar Krähen unter dem Himmel machen noch keinen Sommer bis zu den Lerchen und ihren fast unhörbaren Lufttreppen ist es noch weit Krähen im Winterhimmel trotz nicht abreißendem Klangteppich weit oben dröhnender Motoren (ab in die Sonne oder schnell mal ein Weekend shoppen in London) haben sie sich wie ein Lebenszeichen im kahlen Geäst einiger Vorgartenbirken nieder gelassen Eis auf der Straße Frostfilm auf Pfützen Lufttreppen im Winter Achtung Stolpergefahr lieber Bodenhaftung und übers Feld schauen weit übers Feld und da der Schrei einer Eule frostig heiseres Geschenk
Das Licht. Schauen was sich verändert, und dass es mich immer noch nicht tötet. Unbehaglich grell. Nur noch wenige Vögel. Die Hecken wurden gerodet. Passten nicht zu den neuen Gartenmöbeln. Vogellose Steine, Flechten, stummes Geschrei. Vogellose Luft, taube Ohren, blattloses Geäst. Fäden klirren im gefrorenen Nebel und Moos auf den Zweigen einer Winterbirke. Das Unmögliche möglich, die Zeit zu einer winzigen Kugel im Jetzt zusammen kneten, vergeht sie, rast nicht weiter, überschlägt sich im Fluge all der schattenlosen Dinge, die sich von selbst erledigen. Fängt bei Null wieder an und stöhnt unter der Peitsche, weiter, weiter, schreit Stopp, die Zeit, nein, Einhalt! Ist eine Alte, die Zeit, von vorgestrigen Schneenächten, in denen noch die Ruhe ihre Gesellin und ist doch klüger als die meisten von uns, kennt die Zukunft auf vogellosen Steinen
Am Ende der Strasse lag das Haus und duckte sich an einen der buckligen Felsen des Fjell zwischen ein paar krumme Kiefern und Krüppelwacholder. Das bei Tage leuchtende Rot der Holzplanken verschwamm im nächtlichen Mondlicht zu einem dunklen Grauton, die Kanten um Fenster und Dach aber waren auch jetzt von intensivem Weiß. Die Räder meines Autos knirschten sich durch den Schnee, der zu beiden Seiten der Strasse aufgetürmt lag und nur eine schmale Durchfahrt in der Mitte ließ. Drei Stunden hatte die Fähre Verspätung gehabt wegen der Eismassen im Fjord und so war es inzwischen Mitternacht. Ich lugte über das Steuer hinweg nach oben zu der weißen Scheibe am Himmel, die von vorüberjagenden Wolken immer wieder freigegeben wurde und alles in fast taghelles Licht tauchte. An manchen Tagen war es jetzt um die Mittagszeit nicht so hell wie in einer frostklirrenden Vollmondnacht wie dieser. Vor dem Haus, neben der dreistufigen Treppe zur Eingangstür stand ein Schlitten. Die Katze strich daran entlang, offenbar auf der Suche nach Einlass. Ob Marita schon schlafen gegangen war?
Es brannte kein Licht mehr. Aber die Katze ließ sie doch abends rein, zumal bei solcher Kälte. Ich schätzte die Temperatur auf mindestens zwölf Grad minus. Langsam rollte der Wagen auf die kleine Auffahrt. Auch das Nachbargrundstück lag ruhig und still. Mir war, als ob die Träume der Bewohner sich in den kleinen Holzhäusern drängten und schließlich in grauen, puffenden Wolken zum Schornstein hinausdampften. Ich schaute ihnen nach, wie sie nacheinander im Nachthimmel verschwanden. Die Autotür machte beim Zufallen ein hohles Plapp und unwillkürlich erwartete ich jetzt das Aufflammen von Licht im Haus. Nichts geschah, es blieb dunkel und ruhig. Eine Weile stand ich unschlüssig in der Kälte und stampfte von einem Fuß auf den anderen. Mein Atem kringelte sich weiß und fauchend nach oben. Lautlos bewegte sich die Katze auf mich zu. Träge schwang ihr runder Bauch dabei hin und her. Eine dicke, weiße Mondkatze, so rund, so weiß, eine Vollmondkatze. Sie rieb sich an meinem Hosenbein, wohl weniger als Willkommensgruß, sondern als Aufforderung, ihr endlich die Tür aufzumachen. Diese Viecher sind doch von einem hemmungslosen Egoismus, dachte ich mit einer Spur von Neid. Wahrscheinlich hat Marita mit Warten aufgehört. Gedacht, ich komme nicht mehr. Den heißen Tee ausgekippt und ein paar Scheite nachgelegt, bevor sie schlafen ging. Schade. Ob ich sie wecken sollte? Das habe ich früher schon ungern getan. So wehrlos lag ihr Gesicht in den Kissen, wenn ich spät kam, und sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Mein Herz hatte unruhig geklopft von der Anstrengung, leise zu sein. Dabei war sie jedes Mal ärgerlich gewesen am Morgen, weil ich sie nicht geweckt hatte. Jetzt war ich es, der einen leisen Ärger spürte. Warum hatte sie nicht gewartet? Sie wusste doch, dass diese verdammten Fähren nie pünktlich sind. Und wie schwer es mir fallen würde, sie zu wecken. Die Karte mit dem Ankunftstag hatte ich wie immer rechtzeitig abgeschickt. Warum hatte sie die Katze nicht hereingelassen? Von der Kälte fühlten sich meine Fingerspitzen in den Handschuhen fast taub an. Meine Augen blieben am Schlitten hängen. Es war ein alter Schlitten. Das Holz speckig und dunkel, das Seil zum Ziehen ausgefranst und an einer Kufe fehlte ein kleines, schräg abgebrochenes Stück Eisen. Automatisch schaute ich mich im platt getretenen Schnee rings um den Schlitten danach um, schüttelte dann mit dem Kopf, als mir klar wurde, was für ein alter Narr ich war. Es war sicher vor sehr langer Zeit passiert, vielleicht ist ein Kind mal über einen Stein – , da stand ich und fror und dachte über den Defekt an irgendeinem fremden Schlitten nach, statt zu klopfen oder zu probieren, ob sie die Tür aufgelassen hatte, so wie früher. So wie früher. Wenn ich spät kam, die Tür offen war und in der Küche noch ein Tee in der Thermoskanne stand und ein Begrüßungszettel daneben lag. Es würde nie mehr so sein. Ich wusste es plötzlich. Ich wusste es genauso sicher, wie man in einer Nacht wie dieser weiß, dass die Straßen glatt sind und es sich empfiehlt, Schneeketten auf die Autoreifen zu ziehen. Wütend starrte ich auf die weiße Haustür, auf den messingfarbenen Drehknopf. Von dir hole ich mir keinen Korb, dachte ich grimmig. Im selben Moment lachte ich über mich selbst und schüttelte abermals den Kopf. Stapfte um das Haus, die dicke, weiße Katze immer an meinen Fersen. Der Mond warf lange Finger durch das Fenster auf den Wohnzimmerteppich. Neben einem der Sessel stand ein Weinglas auf dem Fußboden. Halbvoll, das sah ihr gar nicht ähnlich, der gute Wein, morgen würde er schal sein. Immer hatte sie gewartet, all die Jahre, in denen ich wiederkam nach, zugegeben, manchmal langen Pausen. Selbst um Mitternacht, wie jetzt, war sie oft noch auf gewesen, hatte mit mir einen Teepunsch getrunken, mit dem Rum, den ich jedes Mal von der Fähre mitbrachte. Oder hatte jedenfalls einen Zettel hingelegt: Lieber Larsson, schön, dass du da bist, – oder so was, das einem wie mit zärtlicher Hand über die Wange streicht, na ja, mir zumindest, auch wenn ich trotzdem wusste, dass ich nicht bleiben würde. Ich fragte mich, was mich so sicher machte, dass es heute Abend anders war. War es die Katze? Oder der Schlitten? Oder der Mond? Nein, die Mondkatze, oder doch der Schlitten? Bei ihr stand nie was rum, die Katze ließ sie im Winter abends rein, und einen Schlitten besaß sie gar nicht. Vorsichtig drückte ich die knarrende, alte Tür zum Holzschuppen auf. Die Katze folgte mir. Mit erstaunlicher Wendigkeit tänzelte sie auf dem großen Holzhaufen herum. Es war ein großer Berg frisch gesägtes und gehacktes Holz. Schade, darauf hatte ich mich schon gefreut, das erledigte ich immer gerne für sie. Schales Gefühl, als würde ich nicht mehr gebraucht. Im Geiste hörte ich sie auflachen, ein hartes, metallisches Lachen, als hätte sie meine letzten Gedanken gehört. Sie brauchte nichts weiter zu sagen. Ich wusste, was sie dachte. Wusste von ihrer Bitterkeit und wie oft sie mich wohl auch für anderes als das Holz gebraucht hätte. Aber sie hatte schließlich immer gewartet. Ich brauche gar nicht reingehen, dachte ich, auch wenn ich den alten, halb verrosteten Zweitschlüssel dort oben auf dem Balken finden sollte, falls er dort immer noch liegt, hinter einem halben Ziegelstein, so wie früher. Meine steifen Finger tasteten. Etwas Schnee war unter das Blechdach auf den Balken geweht. Da lag er noch, der Schlüssel, hinter dem halben Ziegelstein, in einem kleinen, eiskalten Berg Schnee. Aber so konnte ich nicht eindringen, nicht, wenn sie die Haustür geschlossen hatte. Wie ein Fremder, wie ein Dieb würde ich in der dunklen Küche stehen. Kein Zettel, kein Tee, ich wusste es. Der Schlitten, dachte ich, er gehört einem Kind. Immer wollte sie ein Kind, bekam große, schwarze Augen, wenn wir darüber redeten und ich ihr klarmachte, warum ich das nicht konnte, und sie es doch einsah. Als wäre er glühend heiß, legte ich hastig den Schlüssel zurück an seine Stelle und verließ den Holzschuppen. Die Katze drückte sich sofort an meinen Beinen vorbei. Ich dachte sogar daran, den Kopf einzuziehen unter der Tür. Wie oft hatte der Türbalken mir eine Beule verpasst, fast stieg Wehmut auf bei dem Gedanken. Langsam, ganz langsam schloss ich sie. Sie knarrte nur ein wenig. Ein verstohlener Blick hoch zum Schlafzimmerfenster, die Gardinen waren nicht zugezogen. Es rührte sich nichts. Wenn ich der Mond wäre, könnte ich hineinsehen, aber ich war nicht der Mond. Ein Gefühl von Unfassbarkeit überkam mich, sie konnte doch nicht, nach all diesen Jahren. Aber die Klinke der Tür würde ich nicht anfassen, das stand fest. Der Schlitten. Es gab keinen Zweifel, sie wartete nicht mehr. Plötzlich ertrug ich diese dunkle Stille nicht länger und nicht das laute Geschrei meiner Gedanken. Ich stieg in mein Auto, wieder machte die Tür ihr dumpfes Plapp. Ich löste die Handbremse und knirschend rollte der Wagen rückwärts die Auffahrt hinunter. Erst auf der Straße ließ ich den Motor an. Schneeberge zu beiden Seiten der Fahrspur. Mein Herz krampfte sich einmal kurz zusammen, als ich überlegte, ob ich die erste Morgenfähre noch erreichen würde. Durch den Rückspiegel sah ich die dicke, weiße Katze im Mondlicht. Sie war mir bis ans Ende der Auffahrt gefolgt und schaute mir nach. Stand eine Weile unbeweglich. Dann, mit einer Bewegung wie ein Schulterzucken, machte sie kehrt und lief zurück zum Haus.
Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen. Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach. Ein süßer Duft steigt mir in die Nase. Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper. Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt. Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden. Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da. Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst. Fort, wie in Luft aufgelöst. Darin gleichst du allen anderen. Wie gemein!
Zur Strafe beiße ich jetzt zu. Beiße dir erst einen Fuß ab, dann ein Loch mitten in deinen schönen, runden Bauch. Deine weiche, schon löchrige Haut bricht schließlich zusammen, und ich verschlinge auch den Rest, den Kopf und dann den ganzen Kerl mit Haut und Haar. Es klingelt. Kurt hat wieder seinen Schlüssel vergessen. Schnell beseitige ich deine Überreste, den Mantel zusammengeknüllt in den Mülleimer, die Krümel hastig vom Tisch gefegt. Ein wenig atemlos öffne ich die Tür.
– Hallo, Schatz! Er kommt herein, ein flüchtiger Kuss auf die Wange, und dann wirft er seine Jacke über einen Stuhl. Brummelt irgendwas vor sich hin, während er nach der Fernbedienung greift. Deutet dabei, ohne mich anzusehen, auf einen kleinen Karton, den er auf den Tisch gelegt hat. – Was hast du gesagt? Wiederholt dann, schon völlig gebannt von einer Vorabendsoap: – Ich hab` sie billiger gekriegt, die, die du so gern magst. Schließlich ist Weihnachten vorbei. Ächzend vor Behagen lässt er sich in seinen Fernsehsessel sinken, von dem er den ganzen Abend nicht mehr aufstehen wird. Schnarchend schließlich, bis ich ihn wecke, um dann müde ins Bett zu schlurfen. Ich öffne die Schachtel. Da liegen sie, ungefähr zwanzig, dicht nebeneinander, in zwei Lagen gestapelt. In glänzendem Silberpapier. Mit rotem Mantel und weißem Bart. Die blauen Augen schauen mich freundlich an, mir wird ganz warm ums Herz. Sanft streicheln meine Finger über die roten Kapuzen, mir läuft das Wasser im Munde zusammen und meiner Kehle entringt sich ein Seufzer: – Oh, Schokobaby!