Emporsteigen

EMPORSTEIGEN

emporsteigen ins leichte Gewölke den Morast der Straßen
mit den Stiefeln abschütteln das Fliegen verlernt und an unsichtbaren
Geländern festhalten alles ganz klein unter mir bis auf
die Spitze treiben was ins Auge sticht weiter empor
loslassen den Widersinn und dann
Engelchöre auf blaurosa Wolkensofas mit blitzenden
Posaunen rund um den Rauschebart?
wer glaubt noch an den Weihnachtsmann kühl hier
mich fröstelt die Flügel zittern und die paar Krähen unter dem
Himmel machen noch keinen Sommer
bis zu den Lerchen und ihren fast unhörbaren Lufttreppen
ist es noch weit
Krähen im Winterhimmel trotz
nicht abreißendem Klangteppich weit oben dröhnender Motoren (ab in
die Sonne oder schnell mal ein Weekend shoppen in London) haben
sie sich wie ein Lebenszeichen im kahlen Geäst
einiger Vorgartenbirken nieder gelassen
Eis auf der Straße Frostfilm auf Pfützen Lufttreppen im Winter
Achtung Stolpergefahr lieber Bodenhaftung und
übers Feld schauen weit übers Feld und da
der Schrei einer Eule frostig
heiseres Geschenk

Sabine Hönck, Montags bei Mesenburg, Unterwegstexte, 2017

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Vogellose Steine

Vogellose Steine

Das Licht. Schauen was sich verändert, und dass es mich immer noch nicht tötet. Unbehaglich grell. Nur noch wenige Vögel. Die Hecken wurden gerodet. Passten nicht zu den neuen Gartenmöbeln.
Vogellose Steine, Flechten, stummes Geschrei. Vogellose Luft, taube Ohren, blattloses Geäst. Fäden klirren im gefrorenen Nebel und Moos auf den Zweigen einer Winterbirke.
Das Unmögliche möglich, die Zeit zu einer winzigen Kugel im Jetzt zusammen kneten, vergeht sie, rast nicht weiter, überschlägt sich im Fluge all der schattenlosen Dinge, die sich von selbst erledigen.
Fängt bei Null wieder an und stöhnt unter der Peitsche, weiter, weiter, schreit Stopp, die Zeit, nein, Einhalt!
Ist eine Alte, die Zeit, von vorgestrigen Schneenächten, in denen noch die Ruhe ihre Gesellin und ist doch klüger als die meisten von uns, kennt die Zukunft auf vogellosen Steinen

Sabine Hönck, Montags bei Meesenburg, Unterwegstexte, 2017

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Mondkatzen

Mondkatzen

Am Ende der Strasse lag das Haus und duckte sich an einen der buckligen Felsen des Fjell zwischen ein paar krumme Kiefern und Krüppelwacholder. Das bei Tage leuchtende Rot der Holzplanken verschwamm im nächtlichen Mondlicht zu einem dunklen Grauton, die Kanten um Fenster und Dach aber waren auch jetzt von intensivem Weiß.
Die Räder meines Autos knirschten sich durch den Schnee, der zu beiden Seiten der Strasse aufgetürmt lag und nur eine schmale Durchfahrt in der Mitte ließ. Drei Stunden hatte die Fähre Verspätung gehabt wegen der Eismassen im Fjord und so war es inzwischen Mitternacht.
Ich lugte über das Steuer hinweg nach oben zu der weißen Scheibe am Himmel, die von vorüberjagenden Wolken immer wieder freigegeben wurde und alles in fast taghelles Licht tauchte. An manchen Tagen war es jetzt um die Mittagszeit nicht so hell wie in einer frostklirrenden Vollmondnacht wie dieser.
Vor dem Haus, neben der dreistufigen Treppe zur Eingangstür stand ein Schlitten. Die Katze strich daran entlang, offenbar auf der Suche nach Einlass.
Ob Marita schon schlafen gegangen war?

Sabine Hönck, Nicht Tag Nicht Traum, 2011

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Sweet Love

SWEET LOVE

Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen.
Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach.
Ein süßer Duft steigt mir in die Nase.
Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper.
Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt.
Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden.
Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da.
Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst.
Fort, wie in Luft aufgelöst.
Darin gleichst du allen anderen.
Wie gemein!


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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