Vogellose Steine

Vogellose Steine

Das Licht. Schauen was sich verändert, und dass es mich immer noch nicht tötet. Unbehaglich grell. Nur noch wenige Vögel. Die Hecken wurden gerodet. Passten nicht zu den neuen Gartenmöbeln.
Vogellose Steine, Flechten, stummes Geschrei. Vogellose Luft, taube Ohren, blattloses Geäst. Fäden klirren im gefrorenen Nebel und Moos auf den Zweigen einer Winterbirke.
Das Unmögliche möglich, die Zeit zu einer winzigen Kugel im Jetzt zusammen kneten, vergeht sie, rast nicht weiter, überschlägt sich im Fluge all der schattenlosen Dinge, die sich von selbst erledigen.
Fängt bei Null wieder an und stöhnt unter der Peitsche, weiter, weiter, schreit Stopp, die Zeit, nein, Einhalt!
Ist eine Alte, die Zeit, von vorgestrigen Schneenächten, in denen noch die Ruhe ihre Gesellin und ist doch klüger als die meisten von uns, kennt die Zukunft auf vogellosen Steinen

Sabine Hönck, Montags bei Meesenburg, Unterwegstexte, 2017

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Mondkatzen

Mondkatzen

Am Ende der Strasse lag das Haus und duckte sich an einen der buckligen Felsen des Fjell zwischen ein paar krumme Kiefern und Krüppelwacholder. Das bei Tage leuchtende Rot der Holzplanken verschwamm im nächtlichen Mondlicht zu einem dunklen Grauton, die Kanten um Fenster und Dach aber waren auch jetzt von intensivem Weiß.
Die Räder meines Autos knirschten sich durch den Schnee, der zu beiden Seiten der Strasse aufgetürmt lag und nur eine schmale Durchfahrt in der Mitte ließ. Drei Stunden hatte die Fähre Verspätung gehabt wegen der Eismassen im Fjord und so war es inzwischen Mitternacht.
Ich lugte über das Steuer hinweg nach oben zu der weißen Scheibe am Himmel, die von vorüberjagenden Wolken immer wieder freigegeben wurde und alles in fast taghelles Licht tauchte. An manchen Tagen war es jetzt um die Mittagszeit nicht so hell wie in einer frostklirrenden Vollmondnacht wie dieser.
Vor dem Haus, neben der dreistufigen Treppe zur Eingangstür stand ein Schlitten. Die Katze strich daran entlang, offenbar auf der Suche nach Einlass.
Ob Marita schon schlafen gegangen war?

Sabine Hönck, Nicht Tag Nicht Traum, 2011

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Sweet Love

SWEET LOVE

Andächtig pelle ich dich aus deinem knisternden Mantel. Deine Augen, die mich eben noch mit treuherzigem Silberblick anschauten, hast du nun geschlossen.
Ich merke, du genießt meine Berührung. Deine Haut wird weich unter meinen Händen, und ich fahre mit zarten Fingern sanft die Konturen deines Körpers nach.
Ein süßer Duft steigt mir in die Nase.
Meine Zunge streichelt vorsichtig dein Gesicht und deinen Hals. Du magst das. Voller Behagen schmilzt du dahin. Süße erfüllt meinen Mund und ich liebkose deinen Körper.
Wie wohlgeformt du bist, kräftige Schultern, muskulöse Beine, ein fester Bauch, alles rund und glatt.
Und diese Hingabe. Wohlig weiche, schmelzende Hingabe. Kein Widerstand, kein mürrisches Abwenden.
Obwohl – ganz und gar bleibst du leider nicht da.
Du wirst weniger mit der Zeit, an manchen Stellen bist du schon ganz dünn. Und ich weiß aus Erfahrung, dass du am Ende unseres Schäferstündchens verschwunden sein und mich hier alleine zurücklassen wirst.
Fort, wie in Luft aufgelöst.
Darin gleichst du allen anderen.
Wie gemein!


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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Ciao Antonio

CIAO ANTONIO

Einmal tief durchatmen und Ciao sagen, Ciao lieber Antonio, umdrehen und davongehen. Den See verlassen, die blauen Berge und die kleine Kapelle, und nie wieder kommen, wissen oder nicht wissen, aber so wird es sein.
Immer mit einem Loch im Innern leben ab jetzt und dennoch nie wieder kommen.
Wozu.
Lieber jetzt als später losreißen, nicht nach dem Stück Fleisch umschauen, das im Zaun hängen bleibt. Dem Zaun, hinter dem das Haus liegt und schweigt.
In dem sie vierzig Jahre jeden Morgen aufgestanden ist, nach draußen gegangen und nach den Olivenbäumen geschaut. Erst danach gefrühstückt, die Zeitung gelesen und die Küche aufgeräumt.
Jeden Tag Essen gekocht, sich die Finger an der grünen Schürze abgewischt und manchmal einen Kuchen gebacken. Oder harte, kleine Teigstücke, die am Nachmittag den bitteren Espresso versüßten. Über die Antonio oder Magdalena sich freuten, wenn sie vorbei kamen, um ein Tässchen mit ihr zu trinken.
Manchmal auf die Wände gestarrt, die fleckigen Tapeten, und sich doch nicht aufgerafft, neue zu kleben, Farbe zu kaufen.
Wozu.
Hab ich was vergessen?
Sie geht noch mal durch die Räume, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein enges verwinkeltes Bad. Schäbig alles, jetzt, im grellen Sonnenlicht.
Dann geht sie.


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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