DEN BOGEN SPANNEN
Schattenboxen, im Licht tanzen, den Bogen spannen und auf die Wildgans zielen. Anlegen loslassen ausatmen. Flirren gegen den Luftwiderstand.
Gestern im Park eine Gruppe Bogenschützen.
Guter Schuss. Splitter im Finger. Blut. Das Schwere sieht leicht aus.
Der Meister sagt nicht: guter Schuss, er sagt: schöner Schuss.
Versteckte Schönheit, im Schatten der Dinge verborgen. Hinter dem Gelackten das Verwitterte.
Linien in Gesichtern, das Ältere dem Neuen vorziehen. Sich schon freuen, wie sich Neues im Laufe der Jahre verändern wird, schöner wird für den Schattentänzer, Lichttänzer.
Gleichgewicht, den Bogen spannen.
Himmel und Erde halten, mit den Zehenspitzen den Mond berühren, die Weberin in allen vier Richtungen, der goldene Hahn steht auf einem Bein.
Der Berg kommt zum Wanderer, eine Hütte, ein kleiner Tisch, mit Runzeln, Scharten und Dellen.
Den Mittelpunkt finden. Die Mitte aller Dinge. Der Zahn der Zeit. Schimmernde Sanftheit alter Hölzer.
Ein gesprungener Krug. Hat ein Leben lang vielen den Durst gelöscht.
Geschichten, sichtbar im Material.
Den Bogenschützen zugeschaut, dann weitergegangen, ein Tuch um den blutenden Finger.
Ausatmen.
Füße auf die Erde und abschwirren lassen den Pfeil, der seinen Weg allein geht.
Wolkenhände spannen den Bogen. Beobachten, was von selbst geschieht.
Loslassen.
Das Schwere sieht leicht aus.
Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023
