Hasenherz – Das Reh
- Beitrags-Autor:Sabine Hönck
- Beitrag veröffentlicht:4. März 2026
- Beitrags-Kategorie:Hasenherz
HASENHERZ – Das Reh
Am Ende der Welt ist eine Treppe mit sieben Stufen. Man geht hinauf oder hinunter, das kommt darauf an, in welche Welt man wechseln will. Auf jeder Stufe soll man eine Weile stehen bleiben, die Augen schließen und einen tiefen Atemzug nehmen.
Ich mache einen Schritt, dann den zweiten. Die erste und die zweite Stufe sind ganz leicht zu nehmen. Die dritte Stufe aber ist so tief, dass ich auf alle viere gehen, mich an der Kante der zweiten festhalten und mich lang runterbaumeln lassen muss, so dass meine Zehenspitzen gerade eben die dritte berühren und ich die Hände vorsichtig loslassen kann.
Kühler glatter Stein, rot geäderter Feldspat, Flint und Kiesel. Die vierte Stufe ist so weit entfernt, dass ich sie kaum erkennen kann. Was tun? Hinhocken, Kinn in die Hände stützen und nachdenken. Das hier ist unmöglich zu schaffen für einen Zweibeiner ohne Flügel. Woher welche nehmen?
Da sehe ich das Reh.
Hinter der Welt ist ein großer Wald, ein sehr großer, dunkler Wald. Davor steht das Reh. Ich kann seine schwarzen Augen erkennen, obwohl es vielleicht Lichtjahre entfernt ist, ist es doch ganz nah. Ich sehe das Zittern unter seiner braunen Decke den Rücken entlang laufen bis zum kleinen weißen Stummelschwanz an seinem Hinterteil. So befreit es sich von dem Schreck, auf diese Welt getroffen zu sein, wahrscheinlich wäre es lieber in seinem Wald geblieben.
Nun ist es aber da und rückwärts läuft die Zeit noch nicht. Es starrt auf die Treppe, deren Stufen immer weiter auseinander gleiten. Die letzte Stufe ist vielleicht unter der Welt oder hinter der Welt, man kann sie nur ahnen.
Ich winke dem Reh aufgeregt zu. Für ein Tier der Wildnis ist es erstaunlich zutraulich, es bellt mich an, läuft aber nicht weg. Kommt sogar näher. Die Welten rücken zusammen, seine und meine. In meiner gibt es längst keinen Wald mehr, auch keine Rehe. Offenbar weiß es, wo die anderen Stufen sind, und das schönste: es hat Flügel. Ich schaue ihm zu, wie es sich aufmacht. Es fliegt in die blaue Weite des Himmels, zieht ein paar sanfte Runden und kommt zurück.
Da hat es keine Flügel mehr, kaum dass es die Treppe berührt, die unterste Stufe, weit weg, unerreichbar, eben war es noch so nah. Schon verstehe ich seine Sprache nicht mehr, kenne seine Feinde und rieche sein Fleisch. Wie froh es ist, dass die Stufen so weit auseinander liegen und ich erst auf der dritten steh, kann ich nur ahnen. Doch, das kann ich.
Ahnen kann ich auch seine Enttäuschung.
Als es mich hier ratlos sitzen sah von seinem sicherem Waldrand aus, da hat es mir einen Moment vertraut, sogar sein Geheimnis gelüftet und vor meinen Augen seine zarten Flügel entblößt. Wer weiß schon davon.
Und nun sieht es die Gier in meinen Augen, kaum dass es die sichere Distanz aufgab. Es sieht schon das Messer in meinen Händen, das Wurfgeschoss, spürt schon den schneidenden Schmerz. Während ich doch nur in aller Harmlosigkeit überlege, wie ich auf die vierte Stufe komme, mein Schlächtersein noch gar nicht bemerkt habe.
Um diese Welt zu verlassen, ist es nötig, solche Verwechslungsmanöver zu durchschauen, sie abzulegen wie zu eng gewordene Kleidung, denn das ist doch wirklich überholt!
Wer wird so ein zartes Reh noch töten, gar essen, oder sollte ich sagen fressen? Man stellt es sich in feines Porzellan gegossen, in Zartpastell bemalt auf die Sofaecke und versinkt andachtsvoll in seinen Anblick. Man sagt zu einer sanft Rehäugigen: mein Rehlein, und essen tut man ein Schwein. Ein dickes Mastschwein, das mit hundert seiner Artgenossen eng gepfercht zum Schlachthof gekarrt wird, in einem LKW, hinter dessen Windschutzscheibe HARRY zu lesen ist, oder VOLKER oder THORSTEN, und hintendrauf manchmal sogar: ARTGERECHTE TIERHALTUNG. Angstschweiß und zitternde Herzen wabern zu mir herüber, wenn ich daran vorbei gehe.
Aber jetzt geht’s auf zur vierten Stufe und das Reh wird mir nicht mehr helfen, seit es erkannt hat, dass ich zu dieser Spezies gehöre, dieser Verfolgerspezies, die nicht mehr reagiert auf ein Paar angstvoll aufgerissene schwarze Augen und ein sanftes braunes Fell, höchstens noch mit Speichelfluss. Das Herz ist zu. Es lebe der Spaß. Die schnelle Lust. Der schale Nachgeschmack.
Ich lasse mich jetzt einfach fallen, irgendwo da unten muss die vierte Stufe sein und die fünfte und sechste und siebente. Wenn das Reh erkennt, dass ich meinen Pakt mit dem Teufel gekündigt habe, mich einfach ausspucken lasse von der Maschine, zeigt es mir vielleicht noch einmal, wie man seine Flügel benutzt.
Dort drüben am Waldrand hinter der Welt steht ein Reh und schaut neugierig zu mir herüber.
Sehr neugierig.
Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt
