Grasmeer

GRASMEER

Ich bin aus Sommer gemacht und das, obwohl ich Hitze hasse. Was soll ich dazu sagen? Es ist nun mal so.
Meine Knochen sind bleich und dünn. Haben lange am Strand gelegen, mit dem Treibsel hin und her gespült, einzeln verstreut, ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte, wollte ich sie einsammeln.
Der heisere Schrei einer Möwe führt mich am Wassersaum entlang. Ich folge ihr und lasse alles so wie es ist.
Schon immer wurde mir gesagt, dass das das Beste sei, mir war es nicht genug. Wollte Besseres, wollte in Bewegung sein und große Türme bauen. Da die Zeit aber trotzdem verrann, als hätte sie nichts gehört, brachte ich sie nur zum Einsturz.
Ohne jeden Maschineneinsatz fielen sie in sich zusammen und ich hätte von vorne anfangen können, aber davor warnte man mich.
Deshalb ließ ich es.
Der Mond schien auf das alles, als hätte er es noch nie gesehen. Dabei sah der alte Narr landauf landab nichts anderes, das konnte er mir nicht verheimlichen.
Fake, der er ist, versuchte er es dennoch.
Viele Jahre vergingen und ich vergaß meine Türme, obwohl mir etwas fehlte. Ich hielt Ausschau, wurde jedoch nur die Ebene gewahr, eine weite hohle Ebene mit dem Saum des Himmels am Ende. Mal düster, mal funkelnd, mal dampfend in brodelndem Gebräu, das aus den Wolken stürzte, lag sie da wie ein ausgebreitetes Riesenhemd.
Hatte ich sie zu durchwandern?
Das fragte ich mich immer wieder, bis ich endlich den ersten Fuß vor den anderen setzte und los ging.
Da kam etwas ins Rollen.
Erst dumpf und undurchsichtig, allmählich unüberhörbar mit deutlichen Vibrationen des Bodens. Das Gras erschauerte. Wie eine leise Flutwelle lief es durch seine Halme.
Ein wogendes Grasmeer bis zum Horizont.
Das konnte doch nicht alles sein, aber darauf belief sich die Summe dessen, was in all den Jahren geschah. Ich ging mal weiter, dann blieb ich stehen. Und wenn das Grollen sich unter meinen nackten Sohlen ankündigte, hielt ich inne, trat von einem Fuß auf den anderen und schaute ratlos zum Himmel.
Aber von dort kommt selten eine Antwort und so baute ich mir schließlich ein Schiff, setzte die Segel, nahm das Ruder in die Hand und schipperte über mein Gräsermeer, solange ich noch die Kraft dazu hatte.
Die Erde schien sich zu freuen und das Rumoren in ihrem Bauch hörte auf.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?

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Ein schöner Tag

EIN SCHÖNER TAG

Das Zebra zögerte einen Moment, schaute sich um und schritt dann majestätisch über den Zebrastreifen. Es schaute nach unten und wieder hoch und noch einmal nach unten und erkannte sich plötzlich, hier mitten in der Stadt.
Als es die Straße überquert hatte und vor einem Zeitungskiosk zu stehen kam, wurde ihm wieder ganz fremd zumute. Schnell lief es zurück. Auf dem Zebrastreifen fühlte es sich wohl.
Der Autofahrer, der als erster hielt, dachte, sein Gehirn spiele ihm einen Streich. Inmitten eines tosenden Hupkonzertes, das alsbald einsetzte, griff er jedoch seelenruhig nach seiner Tasche auf dem Beifahrersitz und suchte sein Brillenetui.
Setzte die Brille auf, schaute und schaute und vergaß, wo er war. Auge in Auge mit einem Zebra, das sich offensichtlich an diesem Platz außerordentlich wohl fühlte, lachte er so lange, bis ihm die Tränen kamen. Er trocknete sie wieder und hörte nicht auf den Höllenlärm hinter ihm.
Doch dem Zebra wurde das zu laut und als es gegangen war, fuhr der Mann weiter. Am Abend sagte er zu seiner Frau, dass das ein sehr schöner Tag gewesen war.

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Steine

STEINE

stummes Blau
fein geädertes Schweigen
vor Jahrtausenden
alles besungen
was jemals im Meer
gewohnt

an den Strand gespült
mit Seepocken vermoost
oder kalkweiß
gescheuert steinhart weich
Haut an Haut
sacht ans Ohr gehalten
knistert Feuer
verdampfen Wasserfontänen

enthüllt sich
das eine und andere
Geheimnis

Sabine Hönck, Gedichte,

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Flüstern

FLÜSTERN

Wir lebten in Schachteln. Manche einzeln, die meisten übereinander gestapelt, viele sogar turmhoch. Mit hinein geschnittenen Löchern zum hinaus Schauen.
Hübsch bunt waren die Schachteln, rosa, gelb oder blau. Ein lichtes Blau. Einige der Bewohner hatten die Mühe nicht gescheut, Geranien in üppigem Orange und Rottönen unter die Fenster zu hängen.
Nachts hörten wir die anderen flüstern, nebenan in den Kästen.
Von Ausbruchsplänen, dem Traum von Freiheit und der gleichzeitigen Angst davor flüsterten sie.
Wir hörten sie mit leisen, brüchigen Stimmen über Sägen, Feilen, Fallschirme und allerlei Gerät, um in der Wildnis zu überleben, fachsimpeln. Stundenlang ging das. In den Nächten.
Sie raubten sich den Schlaf dafür, nur um am Ende, der Morgen graute schon mager durch die Samtspitzenvorhänge, müde abzuwinken, in diesem von Enttäuschung zerknitterten Ton zu murmeln:
– Für uns ist es eh zu spät! Und in einen kurzen, rastlosen Schlaf zu sinken.
Am Tag trafen wir uns wie immer auf der Straße, grüßten knapp und verlegen oder auch besonders überschwänglich. Wer wusste schon, was die anderen wussten?
Schnell wurde eine der Haustüren frisch gestrichen. Vielleicht in einem besonders allerliebsten Rosa mit violetten Blütengirlanden rund um den Spion, den alle von uns immer benutzten, bevor wir die Tür öffneten.
Egal, ob jemand erwartet wurde oder nicht.


Sabine Hönck: Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht, 2007

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