Klicken, wischen, weg

Pinkfarbene Calla auf weiß lasierten Holztischen.
Vor der Backsteinmauer ein radikal gestutzter Tulpenbaum. Efeu. Lavendeltöpfe.
Die Frau am Nebentisch hantiert mit ihrem Telefon, während sie an ihrer Teetasse nippt, und starrt dann ins Leere. Schaut auf eine unsichtbare Szene vor dem inneren Auge.
Legt das Telefon weg. Für zwei Sekunden. Bewegt wieder die Daumen, schaut aufs Display. Starrt. Gerunzelte Stirn. Schmeckt sie den Tee?
Klicken wischen weg.
Und wieder nachsehen. Den Kopf in eine Hand gestützt wartet sie. Auf etwas von weit weg außerhalb dieses Hofes.
Sieht sie den Lavendel auf dem Tisch vor sich?
Noch eine Tasse, schnelle Schlucke.
Pinkfarbene Calla auf weißen Holztischen, pinkfarbene und maigrüne Decken schaukeln auf weißen Stuhllehnen.
Wie weit ist es weg, da wo sie ist. Schmeckt sie den Tee?
Noch mal nachgucken. Jemand antwortet ihr nicht.
Verbissene Miene. Spürt sie ihren Körper?
Klicken wischen weg.
Pinkfarbene Calla, maigrüne Decken, eine grau getigerte Katze balanciert über die Mauer. Efeu. Lavendel.
Gelbgraue Plattenwand am Nebenhaus, das Cafe fast leer. Das schöne Cafe, ruhige Lage mitten in der Stadt.
Drinnen auf den Tischen Hochglanzmagazine. Landlust. Lifestyle. Mein Garten. Alles in Pink, Maigrün, Weiß.
Sie wartet. Starrt ins Leere.

Und noch einmal. Klicken wischen weg.
Jetzt geht sie. Der Tee ist alle. Sonnenbrille.
Genug gewartet oder woanders weiter warten.
Kühle Luft. Ab und zu Rauchschwaden von Ofenfeuern.
Eigentlich Frühling, aber noch nicht richtig. Auf der Lauer, vielleicht bald. Ein paar warme Tage zwischendurch gab es schon.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Nur noch wenige Vögel. Die Hecken wurden gerodet.
Passten nicht zu den neuen Gartenmöbeln. Passten nicht zu Pink und Maigrün. Landlust. Lifestyle.
Wen interessiert das Verschwinden der Feldlerchen?
Klicken Wischen weg.

Sabine Hönck: Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht? – 2023

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Septembermorgen

drei Bohnen hängen noch
die Endivie steht gut
im Teich Ruhe keine Fontänen
der Himmel bedeckt
ein kleiner roter Fisch wedelt mit der Schwanzflosse
im brackigen Wasser spiegelt sich dennoch
die Gemeine Feldsonnenblume
der Kastanie war dieser Sommer zu trocken
Südwest weht Motorengeräusche herüber
ein Sonntagsbass aus dem Autoradio
nebenan
Luft riecht nach Regen

Sabine Hönck, nachtblinde Gespräche . . . Gedichte 2013

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Über  Schreiben  I

Wenn Schreiben leicht geht, dann fließt es schnell und quirlig aufs Papier, bildet sich schon die nächste Idee während die Jetzige ausgestaltet wird, taucht immer wieder eine neue Gestalt aus dem Nebel der noch unbekannten Fortsetzung auf, tritt näher hinzu mit deutlicheren Konturen, lässt sich packen und beschreiben und macht der nächsten Platz, fügt sich ein Wort an das nächste.
Dann gehen Türen auf, auch zu verrückten Szenarien und kollerbuntem Treiben, auch Wörter, die es vielleicht gar nicht gibt, die sich fressen, verschlingen und in die dunkle Nacht davon stieben.
Türen zu Unterwelten, wo Monster hausen, die schon lange kein Licht mehr gesehen haben und trotzdem nicht nur schrecklich sind. Auch wenn sie Puppen fressen, den Mond anheulen und mich verhöhnen. Gestalten, die schräg und unverschämt arme, schüchterne Menschen erschrecken . . .

Sabine Hönck, aus dem Journal, Juni 2025

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Jetzt ist die Zeit

die Seerosen zu begrüßen, gegen Mittag haben sie sich geöffnet
und die Zeit, zu begreifen
dass wir gestalten und entscheiden
wohin wir innerlich schauen
unsere Visionen nähren, den Wünschen Kraft geben,
ihnen Bilder anhängen und Flügel – und trotzdem
uns nicht jeden Schwachsinn
glauben müssen

Jetzt ist die Zeit (lange schon)
der Musik zu lauschen, den tanzenden Lichtteilchen
den Bildern zu folgen und anerkennen, dass alle Erscheinungen
Manifestationen sind von wem auch immer
keine Zeit für Schönfärbereien und
wilde Fantasmen sondern
für sprechende Bilder, Bilder von morgen
schnell wird es heute.

Sabine Hönck – aus dem Journal – 2022

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