Wer sagt denn

WER SAGT DENN

dass du glücklich bist
dein Herz
dir selbst gehört
auch in der Nacht
leise am Rand der Welt
und ob es zu dir
spricht während du
irgendwo
allein unter Fremden
wartest und ob
du ihm lauschen kannst
mit Ohren so fein
von all dem Himmel
unter dem du schon gesegelt
und von all der Erde
auf der du schon gelegen
horchend auf ihren
blauen Ton
in den frühen Stunden den ersten
Frostnächten
den Berg hast wispern hören von
den alten Geschichten
kuriosen Legenden
die in seiner Tiefe ruhen und
die er nur denen erzählt
die kommen
allein
um sie zu hören aufzusaugen
mit diesem Hunger
nach den glorreichen Helden
der alten Erde
unter rissiger Lava begraben
gesunken Jahrtausende
immer tiefer
zwischen das heisere Geflüster
alter Frauen
die noch denken wie ein
Berg

derweil
du glaubst
das Glück käme wie
es geträumt

Sabine Hönck, Nachtblinde Gespräche. . , 2008

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Sterntaler im Supermarkt

STERNTALER IM SUPERMARKT

Bin gestern im Supermarkt dem Sterntaler begegnet. Es kam herein mit seiner Schürze voller Goldstücke und wollte Brot kaufen für die Mutter und die kleinen Schwestern.
Es schaute sich im Laden um und wurde ganz verwirrt. Mit nackten Füßen lief es von Regal zu Regal und fand kein Brot. Überall nur Schachteln, Plastikflaschen, Blechdosen oder Plastiktüten.
Es fand kein Brot und fing an zu weinen.
Als ich ihm das Brotregal zeigte, schüttelte es heftig den Kopf. Ich überredete es schließlich, eine der Tüten zu nehmen und musste ihm versprechen, dass ganz bestimmt Brot drin wäre, auch wenn man es nicht riechen könne. Vielleicht zuhause, nach dem Öffnen.
– Nimm mal zwei mit, riet ich ihm.
Ich legte die Pakete auf die glänzenden Taler in seiner Schürze, die es mit beiden Händen festhalten musste, so schwer und voll war sie. Zeigte ihm noch den Weg zur Kasse und fuhr mit meinen Einkäufen fort.

Von der Kasse erschallte kurz darauf Getöse, gefolgt von lautem Geschrei. Ich eilte schnell hin, um nachzusehen, was geschehen war.
Auf dem Band lag der ganze Haufen Gold.
Das Sterntalerchen hatte einfach alles darauf geschüttet, und die Kassiererin fing ein großes Lamento an:
– Was fällt Ihnen ein? Was ist das für ein Unrat hier? Räumen Sie das sofort weg! Erschrocken schaute das Mädchen die Frau an und stammelte:
– Aber . . . ich dachte . . . für das Brot . . .
– Für das Brot bekomme ich zweisiebzig, und das hier, – sie machte eine verächtliche Geste zu dem Haufen Goldstücke, – da haben Sie sich wohl . . . was soll das denn?
Sterntalers Augen füllten sich wieder mit Tränen. Daher bezahlte ich schnell seine Brottüten, schnappte mir einen Pappkarton und schaufelte die Goldstücke hinein. Ich beeilte mich. Hinter uns hatte sich schon eine Schlange gebildet und die Leute fingen an, zu murren.
Als wir draußen standen, wusste ich nicht, wie ich dem Mädchen das alles erklären sollte und bot ihm an, den Karton zu ihm nach Hause zu bringen. Dabei zeigte ich mit der Hand auf mein Auto.
Kaum hatte ich mich wieder umgedreht, war Sterntaler verschwunden und auch der Karton war weg.

Völlig neben der Kappe fuhr ich falsch herum in eine Einbahnstraße. Froh, überhaupt wieder nach Hause zu finden. Machte mir Sorgen um meinen Geisteszustand.
Zwei Tage später wusch ich mein Auto und säuberte auch den Innenraum. Da blinkte etwas unter dem Beifahrersitz. Ich holte ein Goldstück hervor und musste mich einen Moment an die Autotür lehnen und tief durchatmen.

Sabine Hönck Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht? – 2019

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Sonst ist es still heute

SONST IST ES STILL HEUTE

Aufstehen und Tee kochen, einen Traum aufschreiben, dem Baum lauschen, lautloser Gesang. Der Müllwagen rumpelt heran, es stinkt, der Regen dampft es herauf.
Sonst ist es still heute. Der Sommer verabschiedet sich.
Kühler werdende Abende, an denen sich rückreisende Vogelschwärme formieren. Schnatternde Wolken von Nonnengänsen stieben über den Deich ins Vorland.
Am Fenster sitzen und auf den Sturm warten, der die Spinnenweben schüttelt. Dann wieder Stille. Aufgewärmte Mauern und Ecken, in denen sich noch Reste des Sommers verstecken.
Ein Wolkengebirge drückt die Sonne in den Horizont.
Der plötzliche Schatten aus blaugrauer Dämmerung fällt ohne Vorwarnung auf nassen Asphalt. Die Lichter vorbeifahrender Autos spiegeln sich darin. Glänzend und kühl und ohne mit der Wimper zu zucken beendet ein heftiger Herbstregen die letzten warmen Tage.
Aufstehen und Tee kochen, dem Baum lauschen, der Müllwagen rumpelt heran, dann wieder Stille.
Die Kerze flackert und immer wieder dieses Erstaunen.
Septemberluft wie Glas.
In der die Stimmen klirren, als hätte sie jemand fortgeworfen wie Kieselsteine. So weit, von so weit her. Nur ein fernes Klingen in den kürzer werdenden Schattentagen.
Aus dem Fenster schauen und: das Leben ist so und nicht anders, denken.
Den Herd ausstellen, auf dem eine Suppe blubbert.
Der Regen macht Pause. Das war ein Regensommer. Das Laub welkt früh. Der Earth Overshoot Day, voriges Jahr noch im September, war dieses Jahr bereits im August.
Nachts schon Socken anziehen? Nein. Aber Linsen. Linsen sind dran.

Mit Möhren, Kartoffeln und Lauch. Linsen erzeugen Wärme im Bauch. Und dieses Gefühl, dass es eigentlich genügt, am Leben zu sein.
Zwei Beine, zwei Hände, ein beweglicher Körper, die Meerluft atmen, die Haare ausschütteln. Rio Reiser hören (kennt den noch jemand?) und: Schade, dass er tot ist, denken.
Wenn er singt: wann wenn nicht jetzt, wer wenn nicht wir, und es ist nicht egal, auf welcher Seite du stehst, und ich kann’s nicht mit ansehen, wie alles den Bach runtergeht.
Mit seiner quäkig krächzenden Jungenstimme.
Schade, dass so einer schon tot ist.
Ich muss raus. Regen lugt wieder hinter der nächsten dicken Wolke hervor. Und es genügt doch am Leben zu sein. Da muss nichts Besonderes passieren.

Aufstehen und Tee kochen, einen Traum aufschreiben, dem Baum lauschen, lautloser Gesang. Der Müllwagen rumpelt heran, es stinkt, der Regen dampft es herauf. Sonst ist es still heute.

Sabine Hönck: Montags bei Meesenburg, Unterwegstexte, 2017

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Septembermorgen

SEPTEMBERMORGEN

drei Bohnen hängen noch
die Endivie steht gut
im Teich Ruhe keine Fontänen
der Himmel bedeckt
ein kleiner roter Fisch wedelt mit der Schwanzflosse
im brackigen Wasser spiegelt sich dennoch
die Gemeine Feldsonnenblume
der Kastanie war dieser Sommer zu trocken
Südwest weht Motorengeräusche herüber
ein Sonntagsbass aus dem Autoradio
nebenan
Luft riecht nach Regen

Sabine Hönck, Nachtblinde Gespräche . . . , 2013

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