Ein schöner Tag

EIN SCHÖNER TAG

Das Zebra zögerte einen Moment, schaute sich um und schritt dann majestätisch über den Zebrastreifen. Es schaute nach unten und wieder hoch und noch einmal nach unten und erkannte sich plötzlich, hier mitten in der Stadt.
Als es die Straße überquert hatte und vor einem Zeitungskiosk zu stehen kam, wurde ihm wieder ganz fremd zumute. Schnell lief es zurück. Auf dem Zebrastreifen fühlte es sich wohl.
Der Autofahrer, der als erster hielt, dachte, sein Gehirn spiele ihm einen Streich. Inmitten eines tosenden Hupkonzertes, das alsbald einsetzte, griff er jedoch seelenruhig nach seiner Tasche auf dem Beifahrersitz und suchte sein Brillenetui.
Setzte die Brille auf, schaute und schaute und vergaß, wo er war. Auge in Auge mit einem Zebra, das sich offensichtlich an diesem Platz außerordentlich wohl fühlte, lachte er so lange, bis ihm die Tränen kamen. Er trocknete sie wieder und hörte nicht auf den Höllenlärm hinter ihm.
Doch dem Zebra wurde das zu laut und als es gegangen war, fuhr der Mann weiter. Am Abend sagte er zu seiner Frau, dass das ein sehr schöner Tag gewesen war.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?

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Flüstern

FLÜSTERN

Wir lebten in Schachteln. Manche einzeln, die meisten übereinander gestapelt, viele sogar turmhoch. Mit hinein geschnittenen Löchern zum hinaus Schauen.
Hübsch bunt waren die Schachteln, rosa, gelb oder blau. Ein lichtes Blau. Einige der Bewohner hatten die Mühe nicht gescheut, Geranien in üppigem Orange und Rottönen unter die Fenster zu hängen.
Nachts hörten wir die anderen flüstern, nebenan in den Kästen.
Von Ausbruchsplänen, dem Traum von Freiheit und der gleichzeitigen Angst davor flüsterten sie.
Wir hörten sie mit leisen, brüchigen Stimmen über Sägen, Feilen, Fallschirme und allerlei Gerät, um in der Wildnis zu überleben, fachsimpeln. Stundenlang ging das. In den Nächten.
Sie raubten sich den Schlaf dafür, nur um am Ende, der Morgen graute schon mager durch die Samtspitzenvorhänge, müde abzuwinken, in diesem von Enttäuschung zerknitterten Ton zu murmeln:
– Für uns ist es eh zu spät! Und in einen kurzen, rastlosen Schlaf zu sinken.
Am Tag trafen wir uns wie immer auf der Straße, grüßten knapp und verlegen oder auch besonders überschwänglich. Wer wusste schon, was die anderen wussten?
Schnell wurde eine der Haustüren frisch gestrichen. Vielleicht in einem besonders allerliebsten Rosa mit violetten Blütengirlanden rund um den Spion, den alle von uns immer benutzten, bevor wir die Tür öffneten.
Egal, ob jemand erwartet wurde oder nicht.


Sabine Hönck: Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht, 2007

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Sterntaler im Supermarkt

STERNTALER IM SUPERMARKT

Bin gestern im Supermarkt dem Sterntaler begegnet. Es kam herein mit seiner Schürze voller Goldstücke und wollte Brot kaufen für die Mutter und die kleinen Schwestern.
Es schaute sich im Laden um und wurde ganz verwirrt. Mit nackten Füßen lief es von Regal zu Regal und fand kein Brot. Überall nur Schachteln, Plastikflaschen, Blechdosen oder Plastiktüten.
Es fand kein Brot und fing an zu weinen.
Als ich ihm das Brotregal zeigte, schüttelte es heftig den Kopf. Ich überredete es schließlich, eine der Tüten zu nehmen und musste ihm versprechen, dass ganz bestimmt Brot drin wäre, auch wenn man es nicht riechen könne. Vielleicht zuhause, nach dem Öffnen.
– Nimm mal zwei mit, riet ich ihm.
Ich legte die Pakete auf die glänzenden Taler in seiner Schürze, die es mit beiden Händen festhalten musste, so schwer und voll war sie. Zeigte ihm noch den Weg zur Kasse und fuhr mit meinen Einkäufen fort.

Von der Kasse erschallte kurz darauf Getöse, gefolgt von lautem Geschrei. Ich eilte schnell hin, um nachzusehen, was geschehen war.
Auf dem Band lag der ganze Haufen Gold.
Das Sterntalerchen hatte einfach alles darauf geschüttet, und die Kassiererin fing ein großes Lamento an:
– Was fällt Ihnen ein? Was ist das für ein Unrat hier? Räumen Sie das sofort weg! Erschrocken schaute das Mädchen die Frau an und stammelte:
– Aber . . . ich dachte . . . für das Brot . . .
– Für das Brot bekomme ich zweisiebzig, und das hier, – sie machte eine verächtliche Geste zu dem Haufen Goldstücke, – da haben Sie sich wohl . . . was soll das denn?
Sterntalers Augen füllten sich wieder mit Tränen. Daher bezahlte ich schnell seine Brottüten, schnappte mir einen Pappkarton und schaufelte die Goldstücke hinein. Ich beeilte mich. Hinter uns hatte sich schon eine Schlange gebildet und die Leute fingen an, zu murren.
Als wir draußen standen, wusste ich nicht, wie ich dem Mädchen das alles erklären sollte und bot ihm an, den Karton zu ihm nach Hause zu bringen. Dabei zeigte ich mit der Hand auf mein Auto.
Kaum hatte ich mich wieder umgedreht, war Sterntaler verschwunden und auch der Karton war weg.

Völlig neben der Kappe fuhr ich falsch herum in eine Einbahnstraße. Froh, überhaupt wieder nach Hause zu finden. Machte mir Sorgen um meinen Geisteszustand.
Zwei Tage später wusch ich mein Auto und säuberte auch den Innenraum. Da blinkte etwas unter dem Beifahrersitz. Ich holte ein Goldstück hervor und musste mich einen Moment an die Autotür lehnen und tief durchatmen.

Sabine Hönck Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht? – 2019

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die Erfundene

DIE ERFUNDENE

Sie ist durchsichtig, zart. Hat erst ein Ohr, sechs Finger und einen halben Mund. An den Augen fehlen die Wimpern und der Bauch ist noch hohl.
Allmählich kommt sie zu Kräften, zieht ihre langen Stiefel an, klappert mit den Castagnetten und sinkt wieder ermattet zu Boden.
Als ihr eine lange schwarze Mähne wächst, und der Mund zinnoberrot über dem Spitzenkleid leuchtet, beginnt sie zu tanzen.
Erst auf einem Fuß, bald auf zweien, schlängelnde Arme, glutvolle lang bewimperte Blicke, sie wird dreidimensional. Man erkennt es am Applaus.
In der Mitte fehlt noch etwas.
Händeringend, sie versteckt es geschickt hinter Tanzbewegungen, signalisiert sie dem Erzähler, der lustlos in der Ecke sitzt, dass er zu Ende bringen soll, was er in einem leichtsinnigen Moment begonnen hat.
Er raucht erstmal eine Zigarette, bestellt sich ein Bier und schaut etwas hilflos zu ihr hinüber. Was will sie denn?
Sie hat doch alles.
Zwei Beine, zwei Arme, Augen, Nase, Mund. Alles vom feinsten. Ein wunderbares Kleid und tanzen kann sie inzwischen, tanzen kann sie – das Publikum vergisst alles um sich herum.
Aber das scheint ihr nicht zu genügen.
Eine fahle Blässe zieht in ihr Gesicht,  die Schritte werden holprig,  sie sackt in sich zusammen. Reißt den Mund auf groteske Weise auf, formt lautlos Worte, die keiner versteht.
Da gibt er ihr Stimme, endlich scheint er begriffen zu haben. Aber es kommt nichts Verständliches heraus, nur ein Gurgeln, Gestammel, unartikuliertes Geschrei.
Sie ist so schön, – und sehr verzweifelt, man sieht es in ihren Augen.
Der Mann in der Ecke trinkt noch ein Bier, räuspert sich, immer wieder, er weiß wirklich nicht weiter.
Sie hat doch alles.
Wie sie wieder durchsichtig wird, immer blasser, fängt das Publikum zu murren an, mit den Füßen zu scharren und am Ende ertönt lautes:
– Buh! Buh! Ohrenbetäubendes Pfeifen.
Sie jagen den Mann auf die Strasse, es gelingt ihm nur knapp, vor ihren wütenden Fäusten zu fliehen.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht?, 2023

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