HASENHERZ – die Zeit bleibt stehen
Wie damals, an einem Sonntag, auf dem Hühnerhof ihrer Großeltern die Zeit für einen Moment stehen blieb.
Mira stahl sich fort vom langweiligen Kaffeetisch, lief durch die Küche zur Hinterhoftür hinaus auf die Terrasse, wo die Milchnäpfe der Katzen standen. Sie war vier oder fünf.
Wuchernde Brennnesseln und Gestrüpp. Gesprungene Steinfliesen und ein scharfer Geruch vom Hühnerstall.
Sie muss mal, geht ein wenig abseits und hockt sich hin.
Während sie wartet, wandern die Augen an den gezackten Linien der zerbrochenen Terrassenfliesen entlang und dann hinüber zum verfallenen Gartenzaun. Auf die Stelle, wo schon ein paar Latten fehlen.
Der Blick wird unscharf, geht ins Leere.
Das üppige Grün verschwimmt, die Gerüche verschmelzen mit ihm und dieser Stille, die sie umgibt und fort trägt.
Da bleibt die Zeit stehen. Nichts geschieht. Alles still. Jemand hält die Welt an, nur einen Augenblick, der ihr lang erscheint.
Selbstvergessen schaut sie zu, wie der kleine, dampfende Strahl zwischen den nackten Füßen in der Erde versickert.
Und auf einmal dreht sie sich wieder, die Welt. Sie hört die Hühner gackern, eine Katze huscht zu den Näpfen, und sie sieht, wie schmutzig die sind. Über dem Hühnerstall geht eine sattgelbe Mondkugel auf. Und das stets unruhige Klopfen des Herzens setzt wieder ein. Angst, dass sie nicht hier sein dürfte. Schnell geht sie zurück ins Haus.
Aber für einen Moment ist die Welt stehen geblieben. Sie wird ihn niemals vergessen.
Sabine Hönck, Hasenherz, Romanprojekt
