Eulenblick

Gestern
war der heutige Tag noch weiß, weiß wie ein unbeschriebenes Blatt, und ich dachte, morgen kann ich gleich, da werde ich endlich, ich kann ja schon morgens, und es schien verlockend viel Raum zu sein für dies und das.
Jetzt ist er beschrieben, ein bisschen besudelt mit Ärger und Leerlauf, einem langen Telefonat, in dem ich mir, mal wieder, endlose Tiraden anhörte, es aber auch nicht abbrach, weil ich, mal wieder, jemanden nicht vergrätzen wollte. Immer wieder.
Die Blicke der anderen, die ich wichtiger nehme als meinen eigenen Blick.
Der dadurch meist nach außen gerichtet, verschwommen, von Nebeln umwabert, mir den Kontakt zu mir selbst abschneidet, so wie ich es kenne seit Urzeiten.
Mein Blick, manchmal auch glasklar, wenn ich mich sicher fühle mit jemand und zu Höchstform auflaufe.
Dann
das Schauen in den Baum, lange suchen und plötzliches Erkennen:
Die junge Eule, manchmal auch zwei, sogar drei. Unverwandtes Schauen in den Baum, in das kleine Gesicht, das zurück schaut, braune Augen, schwarze Pupillen.
Ein Blick, der gar nichts über mich sagt, nur: hier bin ich. Und ich weiß gar nicht, schaut sie mich an oder neben mich. Doch, ich spüre ihren Blick, fast auch ein Erkennen, da bist du ja.
Aber das natürlich nur in meinem Kopf, oder auch nicht.
Jedenfalls ein Gegenüber. Ich freue mich so, schon über eine Woche sind sie da, Käuze oder Eulen, ich weiß es nicht. Die eine schaut besonders aufmerksam, folgt mir mit dem Blick und die Zeit bleibt stehen, und ich verliere mich nicht, bleibe ganz da, im Schauen präsent.
Was für ein Glück.

Das auch heute wieder das Schönste am Tag, der wieder ganz weiß wird. Nicht mehr unbeschrieben, aber rein.
Sonst eher Gewurschtel, noch erschöpft von gestern, und ein wunderbares, schreckliches Buch lesen, das mich anregt, wieder zu schreiben, im Kopf jedenfalls, mein Buch noch einmal auseinander zu nehmen und wieder neu zusammenzusetzen, und das ein ähnlich belebendes Gefühl wie die Eulenbegegnung.

Sabine Hönck, aus dem Journal – 2026