Der Fuchs

Knallrot schiebt sie sich um die Ecke. Rock, Jacke, Tuch, alles rot.
Ein Strohhut schräg auf dem Kopf. Sie erinnert mich an den Fuchs aus der „Hasenschule“, berühmt, berüchtigt.
Dazu zinnoberrote Lippen. Sie ist entschlossen, einen fröhlichen Samstagabend zu haben. Ihre Armmuskeln sind gut entwickelt, trotzdem kommt sie nur mühsam den Bürgersteig hoch.
Später sehe ich sie mit anderen sitzen, am Tisch vor dem Döner, lacht und amüsiert sich. So sieht es aus. Der Mund leuchtet.
Der Rollstuhl passt genau unter den Tisch.

Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht, 2023

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Dohlen am Deich

Dohlen am Deich dicke graue Schnäbel
in aufgeplustertes Gefieder gesteckt
der Inhalt einer gelben Tonne woher auch immer
flattert im Nordwest stadteinwärts hoffentlich
im Stacheldraht an der Deichstraße eingeflochten
ein Stück Noppenfolie
Treckerspuren im aufgeweichten Grünstreifen
eine Packung Prinzenrolle im Matsch zerquetscht
Joghurtbecher und Milchkartons
der Mensch verschönert die Welt nicht
aber
im Museumscafé kunsttheoretische Debatten am Nebentisch
imposante Worthülsen sausen
mir an den Ohren vorbei autonom konzertant postmodern
selbstverständlich digital und im ganz anderen Lager virtuelle Welten
und heute ist ja alles erlaubt
ertrinkend
in der klassischen Moderne klammere ich mich
an meiner Eierlikörtorte fest
geht die Künstlerpersönlichkeit mit so viel Rückständigkeit
natürlich den Bach runter

Sabine Hönck: Montags bei Meesenburg, Unterwegstexte, 2017

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Stummer Gesang

Die Vorstädte wuchern
Narzissen in Reih und Glied

bekamen Befehl zu wachsen
blühen taub ohne Nektar

Kahlschlag auf den Knicks
überlebende Stämme klammern sich
aneinander

Tinnituslerchen im Ohr
auf dem Himmelsauge blind
sind wir
ein Panoptikum verkleideter Sterne
die Angst haben
zu leuchten?

Sabine Hönck, Frühlingsgedicht 2018

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