Aschenputtel später

Nun hocke ich hier schon seit über zehn Jahren hinterm Ofen in der Asche, meine Haare sind stumpf und grau geworden und die Haut spröde. Manchmal höre ich ein meckerndes Lachen, wie von einer uralten, halb vertrockneten Ziege ausgestoßen und begreife mit Entsetzen, dass es meiner Kehle entfährt.
Die Gänge zum Grab und den Tauben sind immer seltener geworden in den letzten Jahren. Ich hatte die ewig gleichen Glitzerkleider, die  Bälle und die vor Schüchternheit und unterdrücktem Begehren schwitzenden Prinzen allmählich satt.
Wie soll mich so einer retten?
Ich ging zum Schluss barfuss hin mit den Schuhen in der Hand und nahm mich in Acht auf der letzten Treppenstufe. Sie sind so leicht auszutricksen.
Und ich habe zumindest das Tanzen genossen, ohne das lästige immer gleiche Nachspiel mit den Schuhen über mich ergehen lassen zu müssen.
Doch irgendwie erkenne ich mich selbst nicht mehr.
Morgens ächzen meine Knochen, wenn ich mich von meinem Lumpenlager unter der Treppe erhebe und in die Küche schlurfe, um dem Koch zuvorzukommen und das Wasser aufzusetzen. Es ist schon der dritte, seit ich hier bin.
Hat der erste noch mit mir herumgemeckert und mir Beine gemacht, so wurden die anderen beiden allmählich freundlicher und der Neue spricht manchmal in so einem schäkernden Ton mit mir, als wäre ich die alte Geiß aus dem Wald.


Sabine Hönck, Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht, 2023

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Wie Phönix

Wie Phönix aus der Asche, welche Asche, wo war ein Feuer, keines gesehen und doch die Zunge verbrannt.
Zu Aschenputtel gelaufen in den wiederkehrenden heißen Sommern, in ihrem Ofen verkrochen und doch keine Linsen sortiert.
Ach, diese kleinen Revolten.
Und immer wieder die Tauben auf dem Dach.
Einmal war es ein junger Bussard, aber kein Phönix, nein, kein Phönix, ein windzerzauster junger Bussard auf dem Dachfirst des Hauses gegenüber, aber kein Phönix, nein, ein windzerzauster junger Bussard, der sich nur mühsam auf dem Dach hielt, noch nicht mal ein Sturmvogel.
Hab Aschenputtel beschworen, die Tauben ziehen zu lassen und das Grab, ach das Grab, mit Glitzerkleidern und  Prinzen käme man doch vom  Regen in die Traufe.
Mir mein Gesicht mit Asche geschwärzt und vom Wald erzählt, sie wollte es nicht hören, brannte darauf, noch einmal den Haselstrauch zu schütteln für das ultimativ prächtigste Gewand des Zeitalters.
Nein, bescheiden war sie nicht und kein bisschen klüger als ihre Schwestern.
Ein Schloss musste es sein. Protz und Prunk.
Über meine glühenden Schilderungen des Waldlebens schüttelte sie nur verächtlich die staubigen Locken und sah angewidert an ihrem zerlöcherten Kleid herunter, das hatte sie so gründlich satt und lachte über meinen Traum vom Hüttenleben.

Sabine Hönck,  Keiner mehr da, der die Krähensprache versteht, 2023

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auf dem Rückweg

in der
Mittsommernacht
durch Wiesen
hell

Sonne
hüllt sich in blaue Schleier
und
eine schwarze Katze mitten hinein
verschwindet im Grün
zwischen Gras und Kälberrohr
und
ein Reiher landet auf dem Weg
steht einbeinig reglos
dann
schaukeln silbrig graue Flügel in die Luft
schrauben sich über
Holunderbüsche

pflücke
ich mir Rosenblüten

Sabine Hönck, 2008

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